Etwa 100 Teilnehmer*innen demonstrieren im November 2015 in Köln bei einer von Pro NRW veranstalteten Demo unter dem Motto 'Freiheit statt Islam'. Foto: Picture Alliance / Geisler-Fotopress

Muslimfeindlichkeit

Die emotionale Wucht, mit der in der Öffentlichkeit gestritten wird, offenbart, wie stark viele Menschen alle, die dem Islam angehören, ablehnen. Auch Studien bestätigen den Befund problematischer Haltungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft gegenüber Muslim*innen. So findet laut einer Erhebung der Universität Leipzig von 2014 jeder dritte Deutsche, Muslim*innen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden; mehr als 40 Prozent fühlten sich „wie ein Fremder im eigenen Land“. Laut einer Umfrage von Infratest dimap von 2010 würde weit über die Hälfte der Deutschen die Religionsfreiheit der Muslime gern erheblich einschränken; im Osten Deutschlands sogar 75 Prozent. Eine ebenfalls 2010 in fünf europäischen Ländern erhobene repräsentative Studie des Exzellenzclusters Religion und Politik an der Universität Münster belegt, dass die Bevölkerung in Deutschland Spitzenreiter in der Ablehnung des Islams ist. So sprachen sich Menschen in Deutschland deutlich häufiger als Französ*innen, Dän*innen, Niederländer*innen oder Portugies*innen gegen Moscheebauten aus. Beunruhigend an all diesen Umfragen ist die konstant hohe generalisierte Abwertung von Muslimen auch in mittleren und hohen Einkommensschichten, die eine verrohende Bürgerlichkeit bei diesem Thema bestätigen.

Frei von Emotionen war die Auseinandersetzung mit dem Thema Islam in Deutschland zwar nie; Diskussionen über den Bau von Moscheen oder das Kopftuch schlugen immer wieder hohe Wellen. Allerdings drehten sich in den 1980er- und 1990er-Jahren die Grabenkämpfe vor allem um andere als religiöse Aspekte – um „Ausländerkriminalität“, „Sozialmissbrauch“, „Jugendgewalt“, „Bildungsdefizite“, „Parallelgesellschaften“, „Heiratsmigration“ zum Beispiel. Auch xenophobe Debatten bezogen sich nur selten auf den Islam, sondern wurden entlang ethnischer oder völkischer Grenzziehungen und mit dem Topos der „kulturellen Überfremdung“ geführt.

Der 11. September und die Folgen

Nach dem 11. September 2001 war ein weiterer Auslöser für die massive Verbreitung islamkritischer bis muslimfeindlicher Einstellungen die brutale Ermordung Theo van Goghs im November 2004: der niederländische Filmemacher, der mehrere islamkritische Filme gedreht hatte, wurde in Amsterdam am hellichten Tag auf offener Straße erschossen und ihm anschließend von dem islamistischen Mörder die Kehle durchtrennt. Als ob ein Schalter umgelegt worden sei, bestimmen seither auch in Deutschland Schlagworte wie Parallelgesellschaften, Unterdrückung von Frauen, Nahostkonflikt, das Ende der multikulturellen Gesellschaft oder islamisierter Antisemitismus die öffentlichen Debatten über muslimische Minderheiten und ihre Einwanderung nach Europa. Türk*innen, Araber*innen und Palästinenser*innen mutierten gleichsam von einem Tag zum anderen zu „den Muslimen“, zu einer scheinbar homogenen Gruppe. Im Weltbild der Islamhasser bekommen Muslime, einem geheimen Masterplan folgend, immer mehr Kinder, um in Europa die politische Macht und kulturelle Deutungshoheit zu übernehmen, still geduldet von einem Kartell aus linken Multikulturalist*innen, Gutmenschen, politischen Feiglingen und schweigenden Medien. Unverhohlen wird gefordert, Muslim*innen elementare Bürger- und Menschenrechte vorzuenthalten: Zum Beispiel die freie Ausübung der Religion, die den Bau von Moscheen ebenso einschließt wie das Recht auf religiöse Bekleidung und die Einhaltung religiöser Riten.

Plötzlich waren alle Muslime

Gleichzeitig wurde die Unterscheidung zwischen Islam, Islamismus, Salafismus und Dschihadismus aufgehoben. Aus Millionen mehr oder weniger gut integrierten Einwander*innen aus der Türkei, der Balkanregion oder dem Nahen Osten wurden Repräsentant*innen einer furchterregenden Religion, der Terrorismus und Gewalt als angebliche Wesensmerkmale innewohnen. Mit Minarett-, Kopftuch- und Burkaverboten oder aufgeheizten Moscheebaudebatten wurde das Grundrecht der Religionsfreiheit bedenklich in Frage gestellt.
Die These, der Islam und damit die Muslime seien nicht kompatibel mit dem westlichen Way of Life, wird seitdem in Feuilletons variantenreich diskutiert. Immer wieder wird in der Debatte auch die These vertreten, während Gewalt in der jüdisch-christlichen Tradition rechtfertigungsbedürftig sei kenne der Islam kein grundsätzliches Tötungsverbot. So würden viele Muslim*innen anfällig für Radikalisierung, wenn sie die Quellen des Islam genauer studierten und sich angesichts eines erstarkenden politischen Islam auf ihre Pflicht zur Gewaltanwendung besänne.
Von einer solchen Sicht der Dinge ist es nur ein kleiner Schritt zu der Forderung, den Islam oder den Koran zu verbieten, „kriminelle Muslime“ auszuweisen oder Moscheebauten zu untersagen. Dies verlangt zum Beispiel der auch in Deutschland häufig von Eiferern der muslimfeindlichen Szene zitierte Vorsitzende der niederländischen Partei für die Freiheit (PVV), Geert Wilders. Ihm verbunden fühlen sich nicht zuletzt auch politische Gruppierungen der so genannten Pro-Bewegung wie Pro Köln oder Pro NRW. Den Islam betrachten sie als eine nicht mit dem Grundgesetz vereinbare Ideologie; den Koran setzen sie mit faschistischen Pamphleten gleich; bundesweit demonstrieren sie gegen den Bau von Moscheen.


Die Bundeskoordination informiert seit Jahren mit Materialien wie dem Handbuch „Islam & Schule“ sowie den Themenheften „Islam & Ich“ und „Rechtspopulismus", wie Rechtspopulisten und Rechtsextremisten mit Muslimfeindlichkeit auch Kinder und Jugendliche agitieren.

Mehr Informationen zum Modellprojekt „Islam & Ich“.