Eine Fotoaktion der Georg-Büchner-Schule in Darmstadt, Hessen. Foto: Karolina Schmidt

Rassismus


Sprechen wir über Rassismus, scheinen wir genau zu wissen, worum es geht. Tatsächlich wird der Begriff aber sehr verschieden genutzt, häufig als Synonym für Diskriminierungen jeglicher Art. Das ist problematisch. Denn nicht jede Diskriminierung ist auch gleich Rassismus. Mobbing beispielsweise kann, muss aber nichts mit Rassismus zu tun haben, genau wie Diskriminierungen auf Grund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung. Um Rassismus wirksam bekämpfen zu können, muss man seine historischen Entstehungsbedingungen, seine spezifischen Ausprägungen und seine gesellschaftlichen Funktionen verstehen. Eine Anwendung des Begriffes Rassismus auf alle möglichen Formen der Diskriminierung ist dabei kontraproduktiv. Von Rassismus wäre nach unserem Verständnis nur dann zu sprechen, wenn der Diskriminierung eine Haltung zugrunde liegt, die davon ausgeht, es gebe unterschiedliche menschliche „Rassen“ mit unterschiedlichen, ihnen zugeschriebenen Merkmalen, die unterschiedlich viel wert seien.

Rassismus als Ordnungsprinzip


Historisch wurde der Begriff „Rasse“ vornehmlich im Bereich der Naturwissenschaften, insbesondere der Biologie genutzt. Der Rassebegriff diente zunächst der Kategorisierung von Tieren. Nutztiere und Haustiere wie Pferde, Hunde, Katzen oder Rinder wurden gezüchtet, um gewünschte Eigenschaften bezüglich Ausdauer, Zugkraft, Größe, Schnelligkeit, Fleischqualität oder Aussehen zu erzielen. Die Übertragung dieser Ordnungsvorstellungen aus dem Tierreich auf den Menschen erfolgte schon vor mehr als 2.000 Jahren.

Der Traum einer Vervollkommnung der eigenen Art durch Menschenzüchtung reicht weit in die Geschichte der zivilisierten Menschheit zurück. Schon in Platons berühmter Schrift Politeia findet sich die Idee, durch staatliche Geburtenkontrolle einen überlegenen Menschentyp zu erschaffen.
Ursprünglich religiös und metaphysisch begründet, erhielt der Rassismus in der Aufklärung ein säkulares Fundament. Im 18. Jahrhundert entstand in Europa das Bedürfnis, alle Phänomene rational erfassen und erklären zu wollen. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse über Pflanzen und Tiere wurden auf die Menschen übertragen, Züchtungsutopien antiker Philosophen wieder aufgegriffen. Warum, so die Wissenschaft, sollte es nicht auch bei den Menschen, wie bei den Tieren, unterschiedliche Rassen geben?

Spätestens mit der Annahme, es gebe unter Menschen verschiedene Rassen wie in der Tierwelt, findet eine inakzeptable Weichenstellung statt. Denn wissenschaftliche Erkenntnisse der Genforschung zeigen heute, dass alle Menschen einer einzigen Gruppe von Säugetieren angehören, der des Homo Sapiens. Mit einer Population von mehr als sieben Milliarden ist der Mensch heute das Säugetier mit der größten Population. Und diese Milliarden Menschen sind unstrittig sehr vielfältig, nicht zwei sehen gleich aus oder sind gleich begabt. Alle diese Unterschiede sind nur zu einem winzigen Teil genetisch bedingt. Die Entschlüsselung der genetischen Struktur der Menschen zeigt eine Übereinstimmung von über 99,9 Prozent zwischen allen Menschen.

Nicht nur das Aussehen, auch unterschiedliche körperliche und geistige Fähigkeiten von Gruppen werden jedoch von Rassist*innen als vermeintlicher Beweis für die Existenz von „Menschenrassen“ angeführt. Entwickeln Menschen in ihren spezifischen Lebensbedingungen bestimmte Fähigkeiten besonders gut oder schlecht, wird behauptet, dies sei ein Beweis für menschliche „Rassen“.
Die Unterschiede zwischen den Menschen sind global nach dem Zufallsprinzip verteilt. Nichts erlaubt uns zu sagen, dass manche Gruppen intelligentere, musikalischere oder mathematisch begabtere Menschen hervorbringen als andere. Nicht Typenbildung, Klassifikation und Abgrenzung, wie dies die RasseforscherInnen der Vergangenheit getan haben, sind gefragt, sondern das Verstehen von Vielfalt und Individualität.

Rasse und Kultur

Wenn wir über Rassismus sprechen, können wir den Begriff der Kultur nicht übergehen. Aus gutem Grund wird in diesem Kontext oft Theodor Adorno zitiert, der in seiner Schrift Schuld und Abwehr betont: „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“

Auch wenn heute divergierende Kulturkonzepte nebeneinander stehen, so gehen doch heute viele von der Existenz in sich abgeschlossener Kulturen aus, ohne diese abschließend und verbindlich zu definieren. Obwohl unklar bleibt, was genau unter dem Begriff „Kultur“ zu verstehen ist, wird gefordert, die einzelnen Kulturen seien in ihrem einzigartigen Profil, also in ihrer „reinen“ Form dauerhaft zu bewahren und vor Einflüssen anderer Kulturen zu schützen. Dies stellt ein essentialistisches Verständnis von „Kultur“ dar.

Sind aber erst einmal voneinander abgrenzbare, starre oder dynamische Kulturen angenommen, dann wird schnell eine Hierarchisierung unter ihnen vorgenommen. Es wundert nicht: Die Kultur, der man selbst angehört, wird als höherwertig als die der anderen eingestuft. Die kulturalisierte Sichtweise reduziert Individuen auf ihre vermeintliche kulturelle Zugehörigkeit.

Je mehr über Kulturen gesprochen und gestritten wird, umso weniger Raum und Zeit bleibt, um über soziale Fragen und Machtverhältnisse zu sprechen. Gesellschaftlich, sozial verursachte Konflikte werden kulturell erklärt. Die Verschiebung der Problemlagen auf eine ursachenfremde Ebene verhindert jedoch die notwendige Auseinandersetzung mit den tatsächlichen materiellen Ursachen und damit auch ihre Veränderbarkeit. Mit dem kulturalisierenden Blick geht die Wahrnehmungsfähigkeit und Sensibilität für rechtliche, ökonomische, soziale und andere Asymmetrien in der Gesellschaft verloren. Diese ist jedoch unverzichtbar, um die vielschichtigen Dominanzverhältnisse, die in einer Gesellschaft herrschen, zu erkennen und zu benennen, damit sie in der Folge verändert werden können.

Im Zusammenhang mit Migrationsfragen bringt ein statischer Kulturbegriff weitere Gefahren mit sich. Es droht die Gleichsetzung von Kultur und Ethnizität. Heute wird in den deutschsprachigen Medien kaum noch von „Rassen“ gesprochen, aber dafür umso mehr von „fremden“, „gewalttätigen“ oder „rückschrittlichen“ Kulturen. Der so benutzte Begriff Kultur wirkt modern, zivilisiert und nicht-rassistisch. Oft meint er aber nichts anderes als dasselbe Konstrukt von „Fremdgruppen“ im Sinne von „Rassen“.
Der Kulturalismus konstruiert homogene Großgruppen von Fremden, wie „die Ausländer“, die „Muslime“ oder „die Flüchtlinge“ und verwischt die Unterschiede unter den Einwanderergruppen. Gleichzeitig wirkt er in die Gegenrichtung und fokussiert die Aufmerksamkeit auf allerkleinste Differenzen. Dabei geraten die Gemeinsamkeiten aus dem Blick. Eine polarisierte Wahrnehmung der tatsächlichen oder zugeschriebenen Gruppenmerkmale ist die Folge. Aussagen wie: „Alle Ausländer sind …“ und „Die Polen/Türken/Chinesen sind …“ treten gleichzeitig auf.

Eine Sinus-Studie über Migrantenmilieus in Deutschland schaute genauer hin und ordnete „die Ausländer“ ein nach ihrer sozialen Lage und ihrer unterschiedlichen Bindung an tradierte Werte und Verhaltensweisen, die aus den Lebenslagen in vormodernen Gesellschaften resultiert. Ergebnis: „Die Ausländer“ gibt es nicht, das Spektrum reicht von bildungsfernen, sozial schwachen, eng den Traditionen verbundenen Milieus bis zu den in der Moderne angekommenen, gut gebildeten, kosmopolitischen und sozial starken. 

Warum halten sich trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse bis heute biologistisch und kulturalistisch argumentierende Vorstellungen, es gebe verschiede „Menschenrassen“, die sich grundlegend voneinander unterschieden? Die Antwort ist recht einfach: Der Rassismus ist deshalb so populär, weil die Anhänger*innen rassistischer Ideen von der Vorstellung profitieren, es gebe höher- und minderwertige „Menschenrassen“. Bei Rassismus geht es immer um Macht: Aus rassistischen Ideologien werden Herrschaftsverhältnisse der Über- und Unterordnung sowie Privilegien abgeleitet.


Mehr zum Thema findet ihr im Themenheft Rassismus und in dem Baustein Reden über Rassismus in Deutschland.