Nur wer dicht an der Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen bleibt, kann sie erfolgreich beim Einsatz gegen Ideologien der Ungleichwertigkeit unterstützen. Hier rappen Jugendliche 2012 beim Rap-Contest der Landeskoordination Berlin. Foto: Metin Yilmaz

Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft

Rechtsextremismus ist keine deutsche Erfindung. In vielen europäischen Gesellschaften finden sich rechtsextreme Strömungen, die versuchen, mit einem Mix aus übersteigertem Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus sowie dem Hass auf Demokratie und Einwanderung, auf die Europäische Union und auf religiöse Minderheiten auf Stimmenfang zu gehen. Jugendliche mit türkischem, ex-jugoslawischem, arabischem oder russischem Hintergrund können mit der Ideologie von deutschen Rechtsextremisten nur wenig anfangen; schließlich werden sie von ihnen als zweitklassige Menschen angesehen. Doch auch für sie gibt es rechtsextreme und ultranationalistische Angebote, die ihnen einreden, sie gehörten einer höherwertigen Menschengruppe an.

An den Schulen gibt es heute erfreulicherweise eine relativ hohe Kompetenz im Umgang mit dem deutschen Rechtsextremismus. Lehrer*innen sowie Schüler*innen stehen eine Fülle von hochwertigen Unterrichtsmaterialien und Informationsbroschüren zur Verfügung. Völlig anders sieht die Lage beim Wissen um die Ideologien und Aktivitäten rechtsextremer und ultranationalistischer Gruppen aus Ländern wie der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien oder Russland aus, die unter den Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund um Zustimmung werben. Hier fehlt es weitgehend an Fachkompetenz, an Unterrichtsmaterialien und an qualifizierten Fortbildungen. Das ist brisant, denn wie die deutschen Rechtsextremen haben auch extremistische Migrantenorganisationen die Schulen längst als Rekrutierungs- und Agitationsfeld entdeckt. 

Ein Land wie Deutschland, in dem bereits jedes dritte schulpflichtige Kind einen Migrationshintergrund hat, kann sich diese Einseitigkeit in der Auseinandersetzung mit extremistischen Bestrebungen nicht leisten. Ein überzeugender Einsatz für Vielfalt und Toleranz ist nur möglich, wenn allen Ideologien der Ungleichwertigkeit mit der gleichen Entschiedenheit entgegengetreten wird, unabhängig davon, wer sie vertritt. Geschieht dies nicht, verliert Engagement für Menschenrechte sehr schnell an Glaubwürdigkeit.

An den Schulen müssen wir uns deshalb fragen: Welchen extremistischen Einflüssen, die ihren Ursprung in den Herkunftsländern ihrer Familien haben, sind diese Schüler*innen ausgesetzt? Welches Amalgam entsteht aus ultranationalistischen Ideologiefragmenten und demütigenden  Diskriminierungserfahrungen? Wo sollte, ja muss die Schule eingreifen? Wie können wir erkennen, ob bestimmte Symbole und Zeichen, die Jugendliche mit Migrationshintergrund tragen, einen rechtsextremen Hintergrund haben? Bis heute besteht in der politischen Bildung in Deutschland eine Lücke, denn sie beschäftigt sich bislang fast ausschließlich mit dem deutschen Rechtsextremismus. Das hat viele Gründe - historische wie demografische. Der Gewichtigste lautet: Der Rechtsextremismus der Mehrheitsgesellschaft ist nach wie vor die größte Herausforderung, schlicht weil die Mehrheit die Mehrheit ist: 65 Millionen Deutschen stehen 17 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund gegenüber. Dies darf jedoch nicht dazu führen, den Rechtsextremismus der Minderheiten zu vernachlässigen oder gar zu ignorieren.


In dem Themenheft „Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft“ befasst sich die Bundeskoordination mit menschenfeindlichen Ideologien, die ihren Ursprung in den Herkunftsländern der größten Einwanderergruppen haben: Rechtsextreme und ultranationalistische Gruppierungen türkischer, russischer, serbischer, bosniakischer, kosovarischer und polnischer Herkunft. Sie umwerben Jugendliche in Deutschland zum Teil seit Jahrzehnten und erziehen sie zum Hass.