Schulaktion in Berlin. Foto: Metin Yilmaz

Rechtsextremismus

Aktion, Rebellion und Kameradschaft – das ist es, was rechtsextreme Gruppen Jugendlichen anbieten. Vor allem dort, wo es an attraktiven Angeboten der Jugendarbeit fehlt und demokratische Jugendszenen nur schwach ausgeprägt sind. In den vergangenen 20 Jahren hat sich an vielen Orten – und nicht nur in Ostdeutschland – eine rechtsextreme Jugendszene etabliert. Mit Konzerten, politischer Schulung, Wochenendlagern und einem rebellischen Dresscode gelingt es rechtsextremen Gruppen, neuen Nachwuchs zu rekrutieren. Viele Courage-Schulen setzen sich gegen rechtsextreme Aktivitäten in ihrem direkten Umfeld zur Wehr. Sie informieren, debattieren und protestieren. Und sie stellen sich, wenn es sein muss, den Neonazis auch in den Weg.

Spontandemo in Grafing

Ende November 2011 begann der Unterricht für rund 1.400 Schüler*innen mit einem Schock. Rund um den Eingang des Gymnasiums im Bayerischen Grafing waren Hakenkreuze, SS und SA-Runen gesprüht. Zusätzlich waren Parolen wie „Sterbt ihr Ausländer“, "Heil dem Führer“ und „Tod den Moslems“ an die Wände geschmiert worden.

Statt normalen Unterricht zu machen, entschieden sich die Gymnasiast*innen zusammen mit ihren Lehrer*innen für eine Spontandemonstration durch Grafing. Per Lautsprecherdurchsage forderte die Schülermitverwaltung ihre Mitschüler*innen auf, Plakate und Transparente zu entwerfen. Nach einer kurzen Kundgebung auf dem Schulhof ging es los. „Engagieren statt Beschmieren“ und  „Rechtsabbieger fahren falsch!“ war auf den Plakaten zu lesen, die die Schüler*innen durch die Stadt trugen. Auch der Grafinger Bürgermeister Rudolf Heiler hatte sich in den rund 200 Meter langen Protestzug eingereiht.

Noch am selben Vormittag erstatteten die Stadt und das Gymnasium Anzeige gegen Unbekannt. Lange waren die Nazi-Schmierereien an der Schule nicht mehr zu sehen – die Schüler*innen hatten sie mit ihren Plakaten und Transparenten einfach überklebt. Das Gymnasium Grafing ist seit 2002 eine Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage.

Gymnasium am Wall in Verden/
Haupt- und Realschule Dörverden


Als die Schüler*innen der Haupt- und Realschule in Dörverden mitbekamen, dass ein rechtsextremes Schulungszentrum in ihrem Ort geplant ist, gingen sie ebenfalls auf die Straße. Statt Plakate und Transparente zu bemalen, erinnerten sie mit Mahntafeln an die Opfer rechter Gewalt. In einem Schulprojekt hatten die Schüler*innen dafür nach und nach die Schicksale von 131 Toten aus der Wanderausstellung „Opfer rechter Gewalt“ recherchiert. Und für jede Lebensgeschichte, die die Künstlerin Rebecca Forner mit dem Verein Opferperspektive e. V. darin dokumentiert, hatten sie eine Mahntafel erstellt. So entstand eine zweite Ausstellung.

Wie kann man dem Engagement mehr Nachhaltigkeit verleihen?

Zunächst hätten sich die Schüler*innen mit ihrem „Nein zu Rechtsextremismus!“ eher zaghaft an die Öffentlichkeit getraut, erinnert sich der Lehrer Jörg Suckow, der die Ausstellung betreut. Aber im Laufe der Zeit wurden sie immer selbstsicherer: „Je mehr sie gesehen haben, dass sie nicht alleine sind, desto stärker wurde das Gefühl: ‚Ja, ich kann mich positionieren.‘“ Als sie sich immer mehr raustrauten, stellte sich die Frage, wie man dem Engagement mehr Nachhaltigkeit verleihen könnte. Die Schüler*innen entschieden sich, Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage zu werden. Im Februar 2010 war es so weit: Die Haupt- und Realschule Dörverden holte als Niedersachsens hundertste Schule den Titel.

Die Region ist dabei schon seit Jahren ein echtes Vorzeigemodell für antirassistisches Engagement von Schüler*innen. Dank ihnen gibt es ein Bündnis mit Aktiven anderer Schulen und ein Netzwerk mit außerschulischen Initiativen. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Region, dass sich Kinder und Jugendliche so engagiert in das politische Geschehen einmischen.