Die Projektgeschichte

Cem Özdemir ist Gründungsmitglied von "Schule ohne Rassismus". Während der 15-Jahr-Feier im Juni 2010 überreicht Sanem Kleff, Leiterin der Bundeskoordination, dem Politiker ein Bild von der Pressekonferenz zum Auftakt des Projektes 1995. Mit auf dem Bild sind u. a. Ignatz Bubis und Smudo. Foto: Aris Papadopoulos

Die Anfänge

1995
Nur wenige Monate nach dem Start ist es soweit: Die erste Schule hat die geforderten 70 Prozent Unterschriften für ein demokratisches und diskriminierungsfreies Miteinander beisammen: Das Immanuel-Kant-Gymnasium in Dortmund wird Deutschlands erste „Schule ohne Rassismus“. Erster Pate wird der Fernsehjournalist Friedrich Küppersbusch. Bis 2000 ist das Projekt im Bonner Büro des Vereins Aktion Courage e. V. angesiedelt und agiert überwiegend an Schulen in Nordrhein-Westfalen und dem benachbarten Niedersachsen.

"Die Jugend in Deutschland ist gegenüber Fremden viel vorurteilsfreier als die ältere Generation. Es gibt zwar Fremdenfeindlichkeit mit rassistischen Zügen, erfreulicherweise herrscht bei vielen jungen Menschen jedoch eine deutlich andere Stimmung", so Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, bei der Vorstellung auf einer Pressekonferenz zum Auftakt des Projektes am 25. August 1995.

1999
Nach fünf Jahren gibt es bereits 39 Courage-Schulen in Deuschland mit der eindeutigen Tendenz: steigend.

Inhaltliche Neuorientierung

2000
Nach fünf Jahren im beschaulichen Bonn brechen neue Zeiten an: Sanem Kleff, Lehrerin aus Berlin und Expertin für interkulturelle Pädagogik, übernimmt im Vorstand des Trägervereins Aktion Courage die Leitung des Projektes. Sie verlegt das Büro nach Berlin, stellt das Projekt inhaltlich und organisatorisch auf eine breitere Basis und erweitert den Namen: „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Zwei Jahre später ist die heutige Chefetage komplett: Der Journalist und Buchautor Eberhard Seidel wird Geschäftsführer.

2001
Der Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit verleiht der Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage die Buber-Rosenzweig-Medaille. Mit der Auszeichnung werden seit 1968 Persönlichkeiten, Initiativen oder Einrichtungen gewürdigt, die sich um Verständigung und christlich-jüdische Zusammenarbeit verdient machen.

2002
Es ist ein merkwürdiger Zufall: Nicht nur die erste, sondern auch die hundertste Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage ist eine in Dortmund. Im Rahmen eines Jugendaktionstages gegen Rechts wird der Gustav-Heinemann-Gesamtschule das Schild feierlich überreicht. Und die stellt schon auf ihrer Website klar, dass es da nicht nur zum Spaß hängt: „Wir haben uns dazu verpflichtet, eine kontinuierliche Arbeit gegen Rechts zu leisten.“

2003
Seit dem 11. September 2001 ist der Islam in aller Munde. Aber kommen in der Debatte auch Schüler*innen zu Wort? Die Bundeskoordination findet: viel zu selten. Und stellt eine bundesweite Reihe von Open-Space-Veranstaltungen auf die Beine. Mehr als 2.000 Jugendliche kommen zum Thema „Islam und Ich“ ins Gespräch. Das Interesse ist immens – auch das der Öffentlichkeit. Und die Hamburger Körber-Stiftung zeichnet die Reihe in ihrem Wettbewerb „Praxisforum Schule und Islam“ als vorbildhaft aus.

2004

Das von der Bundesregierung ins Leben gerufene Bündnis für Demokratie und Toleranz zeichnet Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage als „Botschafter der Toleranz“ aus. Zur Begründung heißt es, das Projekt setze sich „ideenreich und engagiert gegen Ausländerfeindlichkeit, Diskriminierung und Ausgrenzung ein“.

Bundesweite Verankerung

2005
Mit Unterstützung von Journalist*innen und Grafiker*innen der Tageszeitung taz produzieren 17 Schüler*innen die erste Ausgabe der Schülerzeitung Q-Rage!. Im Dezember werden mehr als 100.000 Exemplare verteilt. Ab 2007 wird die Q-Rage! mit einer Auflage von mehr als einer Million die größte Schülerzeitung Deutschlands. Im selben Jahr wird der zehnte Geburtstag des Netzwerkes mit einem Festakt in Saarbrücken begangen. Und: Mit dem Paulus-Prätorius-Gymnasium in Wolfsburg hat sich die zweihundertste Schule zu Aktionen gegen Diskriminierungen verpflichtet.

2006
Das kleine Bremen ist seit Jahren in Sachen Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage ganz groß. Nun wollen Schüler*innen es wissen: Geht auch „Stadt ohne Rassismus“? Drei Tage lang werben sie im Foyer der Bürgerschaft um Unterschriften unter ihre selbst geschriebene „Anti-Diskriminierungs-Agenda“. Es klappt: Mehr als 70 Prozent der Volksvertreter erklären sich dazu bereit, gegen jede Form von Diskriminierung einzutreten. Bremen wird die erste „Stadt ohne Rassismus“.

2007
Auch im Süden machen Schüler*innen mobil: In den fränkischen Gemeinden Karlstadt und Wunsiedel liefern sich Jugendliche ein Kopf-an-Kopf-Rennen darum, alle Schulen der Stadt mit dem Titel auszustatten. Karlstadt erreicht das Ziel zuerst; Wunsiedel zieht kurze Zeit später nach. Die Jugendinitiative Wunsiedel – die das Schulnetzwerk maßgeblich vorangebracht hat – hat seither einen großen Erfolg erzielt: Statt der Nazis versammelt sich am Todestag von Rudolf Heß dort inzwischen die Zivilgesellschaft – zum „Tag der Demokratie“.

2008
Es erscheint das Themenheft „Jugendkulturen zwischen Islam und Islamismus. Livestyle, Medien und Musik“.

2009
Die Kultusminister der Länder widmen sich der demokratischen Kultur an Schulen. Sie verabschieden einen Beschluss zur Demokratieerziehung, in dem sie mehr „Verantwortungsübernahme von Kindern und Jugendlichen für ihr Lebensumfeld“ fordern. Und, wörtlich: „die Ausweitung von Initiativen wie ‚Schule ohne Rassismus‘.“ Zur Begründung sagt der Präsident der Kultusministerkonferenz: „Demokratie ist nicht selbstverständlich; sie ist stets aufs Neue Gefahren ausgesetzt.“

2010
Pünktlich zum Geburtstag von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage wird im Sommer die 750. Schule ausgezeichnet. Am 13. Juni wird das 15-jährige Jubiläum feierlich begangen: mit einem Festakt im Jüdischen Museum Berlin und 400 geladenen Gästen, darunter Schüler*innen aus allen Bundesländern.

2012
Im Januar ist das Netzwerk auf 1.000 Schulen angewachsen. Drei Monate später, am 28. April, erhält Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage die Theodor-Heuss-Medaille. Und im Mai wird Eberhard Seidel der Alternative Medienpreis für das Schülerzeitungsprojekt Q-rage! verliehen.

2013
Inzwischen besuchen rund eine Million Kinder und Jugendliche eine Courage-Schule.

Konsolidierung und Regionalisierung

2014
Immer mehr Schulen entschließen sich, Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage zu werden. Um die Schüler*innen standortnah zu unterstützen, baut die Bundeskoordination gemeinsam mit den Landeskoordinationen ein dichtes Netz von Regionalkoordinationen in den Bundesländern auf. Den Auftakt macht im März Bayern, im Dezember zieht Brandenburg nach. Sechs Regionalkoordinationen je Bundesland werden offiziell ernannt, die die Landeskoordinationen bei ihrer Arbeit unterstützten. Weitere Benneungen folgen. Im Frühjahr erscheint das Handbuch Islam & Schule für den Schulunterricht.

2015

In diesem Jahr feiert das Courage-Netzwerk gleich zwei Jubiläen: Mit einem Festakt begeht die Bundeskoordination in Berlin das 20-jährige Bestehen von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage und außerdem die 10 Jahre Q-rage!.  (Anmerkung: die 10. Ausgabe kam 2016). Thematisch steht in diesem Jahr die Frage nach dem „Neuen deutschen Wir“ im Vordergrund, so lautet die Frage auf der Titelseite der Q-rage! „Was ist deutsch?“. Pünktlich zu den Jubiläen erscheint im Juni das Handbuch „Lernziel Gleichwertigkeit“ für die Sekundarstufe. In Sachsen-Anhalt werden sechs Regionalkoordinationen benannt und in Bayern die siebte.

2016

Im März feierte die 2.000ste Schule ihre Titelverleihung zur Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Damit hat sich die Zahl der Courage-Schulen seit 2012 nicht nur verdoppelt; inzwischen besuchen mehr als 1,5 Millionen Schüler*innen eine Courage-Schule. Im März wird mit der Publikation „Der Präventionsansatz von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ die Schriftenreihe „Bausteine“ gestartet. In ihr werden in Zukunft Wissenschaftler*innen, Pädagog*innen und Publizist*innen erörtern, wie eine dem Schutz der Würde aller Menschen verpflichtete Schule verwirklicht werden kann.

Bis 2020
rechnen wir mit rund 3.000 Courage-Schulen in Deutschland.