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Bundeskongress 2022: Die bewegte Republik

14. September 2022
Bundeskongress 2022
(c) Wolfgang Borrs

Mehr als 200 Multiplikator*innen des Courage-Netzwerks sind im Berliner Umweltforum zusammengekommen, um über die Herausforderungen in der politischen Bildung in diesen krisenhaften Zeiten zu diskutieren – und um sich nach Jahren endlich persönlich wiederzusehen. Der Krieg in der Ukraine, eine weltweite Pandemie, der Klimawandel und Fragen der Gerechtigkeit – auf dem Bundeskongress „Die bewegte Republik. Politische Bildung mit jungen Menschen in Zeiten globaler Krisen“ wurden diese Herausforderungen an die politische Bildung diskutiert.

Am 14. September wurde der zweitägige Bundeskongress des Courage-Netzwerk eröffnet. Mitarbeitende unseres Netzwerks im ganzen Bundesgebiet, Vertreter*innen unserer Kooperationspartner und Pädagog*innen aus den Courage-Schulen konnten sich endlich wiedersehen oder erstmals persönlich kennenlernen, nachdem in den letzten beiden Jahren die Veranstaltung pandemiebedingt ausfallen musste.

Bundeskongress 2022 (c) Wolfgang Borrs

Darauf wies auch Eberhard Seidel, Geschäftsführer der Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage in seiner Begrüßung hin: „Vieles was vertraut war, scheint keine Gültigkeit mehr zu haben, vermeintliche Gewissheiten sind in Bewegung geraden. Die rasanten Veränderungen führen viele in den Schulen, Bildungseinrichtungen und der Jugendarbeit an Belastungsgrenzen. Unser Kongress bietet Gelegenheit zum bundesweiten Erfahrungsaustausch und zu einer Weiterentwicklung von Ansätzen der Demokratiebildung und der politischen Bildungsarbeit“, erklärte Seidel.

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, ging in seinem Grußwort darauf ein: „Krisen verstärken Ideologien der Ungleichwertigkeit. Politische Bildung muss die Gleichwertigkeit in den Mittelpunkt rücken, demokratische Haltungen und Menschenwürde fördern.“ In Krisenzeiten aufzuwachsen, sei prägend für junge Leute. Wir müssten uns fragen, welche Erwartungen Jugendliche an uns hätten: „Politische Bildung muss Partizipationsmöglichkeiten einschließen und junge Menschen ernst nehmen und einbeziehen“, so Krüger.
„Schulen sind Teil der Gesellschaft“, betonte Krüger. Unser Netzwerk trage aktuelle Themen und Debatten in die Schulen und werde heute „mehr denn je“ gebraucht.

Den Eröffnungsvortrag „Das Ende des Kapitalismus. Wie wir leben werden“ hielt Publizistin und taz-Redakteurin Ulrike Herrmann. Sie stellte darin die Thesen ihres gleichnamigen, am 8. September erschienenen Buches vor. Im Kern steht die Erkenntnis, dass Kapitalismus Wachstum brauche, unbegrenztes Wachstum auf einer begrenzten Welt aber nicht möglich ist. Auch das zurzeit propagierte „Grüne Wachstum“ komme schnell an seine Grenzen: Ökologisch neutral erzeugte Energie bleibe knapp und teuer. Herrmann prognostiziert: Ein „Grünes Schrumpfen“ sei unausweichlich, was bedeute: „Der Kapitalismus wird enden.“ Wichtig sei, diesen Prozess nicht chaotisch ablaufen zu lassen sondern zu organisieren. Sie empfiehlt eine „Rationierung“ von Gütern, die auch für Gleichheit sorge: „Die Reichen müssten verzichten.“

(c) Wolfgang Borrs

Im Anschluss fanden vielfältige Workshops unter der Leitung von politischen Bildner*innen und Expert*innen statt. Hier setzten sich die Teilnehmenden mit den gesellschaftlichen Herausforderungen auseinander, die die aktuellen Konfliktfelder mit sich bringen, darunter Verschwörungserzählungen oder die Erosion der Demokratie durch Autoritarismus.

Die Frage, mit welchen Ansätzen und Instrumenten das Netzwerk auf die aktuellen Krisen und Herausforderungen reagieren kann, wurde am zweiten Tag in den Blick genommen.

(c) Wolfgang Borrs

Das Podiumsgespräch mit Tahera Ameer, Vorstand der Amadeu Antonio Stiftung, Ayla Ҫelik, Vorsitzende der GEW Nordrhein-Westfalen, und Michael May, Professor für Didaktik der Politik an der Universität Jena, ging auch der Frage nach, wie wir gerade jetzt Kinder und Jugendliche befähigen und motivieren können, sich für Gleichwertigkeit einzusetzen. Dabei wurde deutlich: Politische Bildung muss Teil schulischen Lernens und auch der Lehrer*innen-Ausbildung sein. An den Schulen muss wirkliche Partizipation möglich sein; Kinder und Jugendliche müssen sich als selbstwirksam erleben, um motiviert zu sein, sich zu engagieren. Und wir müssen gerade diejenigen erreichen, die zu den Benachteiligten in der Gesellschaft gehören. Auch die Politik sollte daran eigentlich ein Interesse haben!

In anschließenden Workshops wurde die Diskussion unter verschiedenen Aspekten vertieft. So ging es um die Zusammenarbeit von Schule und außerschulischer Bildung, um Medienpädagogik und um die Frage, wie Schüler*innen und Multiplikator*innen von den aktuellen Krisen psychisch betroffen werden.

(c) Wolfgang Borrs

Am Ende der Veranstaltung betonten alle Beteiligten, wie wichtig der Austausch für sie war. Intensive Diskussionen und persönliche Begegnungen haben das Courage-Netzwerk gestärkt und gerade in diesen Zeiten krisenfester gemacht.