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Aktiventreffen „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ in Berlin (c) Kathrin Harms

Homo- und Trans*feindlichkeit

Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Vielfalt – diese beiden Themen lösen bei vielen Menschen große Unsicherheit aus. Was steckt dahinter? Was hat es mit Gender und der Abkürzung LGBTIQ* auf sich? Wie geht es den Menschen, die regelmäßig Ziel von homo- und trans*feindlichen Angriffen sind? Und warum können Heterosexuelle kein Coming-out haben?

Männlich, weiblich und noch mehr

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass es genau zwei Geschlechter gibt: männlich und weiblich. Nach der Geburt genügt zumeist ein Blick auf die äußeren Geschlechtsmerkmale, um fein säuberlich ein Geschlecht in die Geburtsurkunde eintragen zu können. Von da an lebt eine Person als Junge oder Mädchen, Mann oder Frau. Es gibt aber auch Menschen, die schon bei ihrer Geburt körperlich nicht eindeutig weiblich oder männlich sind. Bei einigen ist das an ihren äußeren Geschlechtsorganen sichtbar. Manchmal passen aber auch ihre Chromosomen, Geschlechtsdrüsen (das ist das Eierstock- bzw. Hodengewebe), Hormone oder inneren Geschlechtsorgane nicht in das zweigeschlechtliche Schema. Das lässt sich nach der Geburt gar nicht so schnell erkennen. Deshalb können Eltern seit einigen Jahren entscheiden, die Geburtsurkunde ihres neugeborenen Kinds ohne Geschlechtsangabe ausstellen zu lassen. Außerdem ist es möglich, bei nicht eindeutig weiblichen oder männlichen Geschlechtsmerkmalen die Bezeichnung „divers“ eintragen zu lassen.

Doch genug zur Biologie. Denn welche Chromosomen oder Geschlechtsorgane jemand hat, ist im Alltag in der Regel nicht erkennbar. Trotzdem lässt sich bei den meisten Menschen auf der Straße oder in der Bahn ziemlich schnell eine Vermutung über ihr Geschlecht anstellen. Woran machen wir das fest? Es gibt in unserer Gesellschaft ziemlich viele Vorstellungen darüber, wie ein Junge oder Mädchen, eine Frau oder ein Mann aussehen und sich verhalten soll. Kleidung und Schmuck, Fingernägel oder Make-Up, die Frisur, aber auch die Art, wie sich eine Person bewegt, wie sie spricht und insgesamt auftritt, können als Hinweise auf das Geschlecht dienen – so haben wir es von klein auf gelernt.

Bereits Kinder bekommen mit, was ihre Eltern und Großeltern, andere Kinder, Lehrkräfte und Erzieher*innen von Mädchen oder Jungen erwarten. Mädchen sollen sich zurückhalten, mit Puppen spielen, Röcke oder Kleider tragen und ihre langen Haare mit rosa Spangen festmachen. Jungen dagegen sollen Fußball spielen, dürfen toben, sich schmutzig machen und sollen sich „nicht so haben“, wenn sie sich mal wehtun. Wenn sie erwachsen werden, haben Jungen eine Freundin und Mädchen einen Freund, die oder den sie später heiraten, um eine Familie zu gründen. Was von uns in der weiblichen oder männlichen Rolle erwartet wird und wie wir uns in dieser Rolle verhalten, wird als soziales Geschlecht oder Gender bezeichnet.

Diese Rollenvorstellungen vermitteln vielen Menschen Sicherheit und ein Gefühl von „Normalität“. Sie schließen aber alle Personen aus, die diese Normen nicht erfüllen wollen oder können. Das betrifft die Menschen, die als LGBTIQ* zusammengefasst werden. Hinter der Abkürzung verbergen sich Begriffe, die im allgemeinen Sprachgebrauch zum Teil wenig oder gar nicht benutzt werden. Wenn wir aber den vielfältigen Lebensweisen und Identitäten sprachlich gerecht werden wollen, brauchen wir diese Wörter. Welche Gruppen verbergen sich hinter LGBTIQ? Dazu gehören Personen, die sich zwar als männlich oder weiblich verstehen, sich aber romantisch und sexuell ausschließlich oder zum Teil von Personen des gleichen Geschlechts angezogen fühlen (L steht für lesbisch, G für engl. gay/dt. schwul, B für bisexuell). Das T steht für trans, also für Menschen, denen bei der Geburt ein Geschlecht zugeordnet wurde, das nicht zu ihrem gefühlten Geschlecht, ihrer Geschlechtsidentität, passt. Das I bedeutet inter* und ist die Abkürzung für diejenigen, deren biologisches Geschlecht nicht eindeutig männlich oder weiblich ist. Zudem lehnen viele die Einteilung in zwei Geschlechter generell ab und bezeichnen sich selbst als non-binär oder genderqueer (Q steht für queer); sie sehen sich jenseits des Männlich-Weiblich-Schemas und zeigen es beispielsweise durch ihr Verhalten oder ihre Kleidung. Übrigens: Personen, die nicht trans* sind, sich also mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, werden häufig als „cis“ bezeichnet (cis ist Latein und bedeutet „diesseits“).

Diskriminierende Strukturen

Was aber ist das Problem der Gesellschaft mit LGBTIQPersonen? Kann nicht jeder so leben, wie sie oder er das möchte? Was haben die Menschen, die mit LGBTIQ* gemeint sind, miteinander zu tun? Welche Gemeinsamkeiten haben zum Beispiel inter-Personen mit schwulen Jugendlichen? Die Antwort ist, dass sie mit ihrer Identität und/oder ihrer Orientierung von dem abweichen, was in der Gesellschaft allgemein unter „normal“ verstanden wird. Die Vorstellungen von „Normalität“ haben sich über Jahrhunderte entwickelt. Sie umfassen die Idee darüber, dass es lediglich Männer und Frauen gibt und dass sich Männer männlich und Frauen weiblich zu verhalten haben (vgl. hierzu den Beitrag über Sexismus). Alle, die diese Ansprüche nicht erfüllen, werden für unnormal, anders und zum Teil sogar krank erklärt. Selbst wenn die eigenen Eltern sehr offen und liberal eingestellt sind: Wir lernen überall in der Gesellschaft, dass LGBTIQ-Personen weniger wert seien, etwa bei Familienfeiern, im Sportverein, in der Schule oder auf Arbeit. LGBTIQ* müssen ständig mit blöden Sprüchen, Beleidigungen und körperlicher Gewalt rechnen. Immer wieder wird ihnen signalisiert, dass sie nicht dazugehören.

Auch in unseren Gesetzen zeigt sich, was als normal gilt und was nicht. Dass Menschen heute in Deutschland die Möglichkeit haben, unabhängig von ihrer Identität oder Orientierung Beziehungen einzugehen und zu heiraten, ist nicht selbstverständlich. Die „Ehe für Alle“ gibt es erst seit 2017. Noch bis 1994 konnten in Teilen von Deutschland schwule Männer bestraft werden, wenn sie miteinander Sex hatten. Seit Ende 2018 kann bei Babys der Geschlechtseintrag in der Geburtsurkunde „divers“ lauten oder offengelassen werden. Dennoch müssen Trans*-Personen, die ihren Geschlechtseintrag und Vornamen ändern lassen wollen, ein Verfahren vor einem Gericht durchlaufen und Begutachtungen über sich ergehen lassen. Das wird von vielen als sehr belastend und demütigend empfunden.

Dazu kommt, dass LGBTIQ* häufig nicht mitgedacht werden. Viele Menschen sagen, dass sie persönlich nichts gegen LGBTIQ* hätten. Dennoch denken die meisten in cis-heterosexuellen Mustern, so wie sie es von Kindheit an gelernt haben. Das heißt, dass sie es für ganz normal halten, dass es Frauen- und Männertoiletten gibt. Sie hinterfragen es nicht, dass im Sportunterricht in der Schule ganz selbstverständlich nach Jungen und Mädchen getrennt wird. Sie haben nicht auf dem Schirm, wie es Kindern geht, die weder Junge noch Mädchen sind. LGBTIQ* müssen sich zwangsläufig in die zweigeschlechtliche Struktur fügen. Das Gefühl, nicht verstanden und ernstgenommen zu werden, löst Stress aus und ist häufig mit Angst, Selbstzweifeln, Trauer und Wut verbunden.

Diese Form von Stress kennen all jene nicht, die cis (also nicht trans*) und heterosexuell sind. Sie wirken aber daran mit, diesen Stress bei anderen auszulösen; z. B. wenn sie meinen, dass schwul oder lesbisch zu sein vielleicht nur eine Phase sei oder dass eine Person nicht weinen dürfe, weil sie doch ein Junge sei. Diese heteronormativ genannten Strukturen wirken auch da, wo Kinder lernen, dass sie später, wenn sie groß sind, selbst Kinder haben und eine heterosexuelle Familie gründen sollen. Derartige Aussagen oder Erwartungen mögen nicht böse gemeint sein, sie können aber sehr schmerzhaft und verletzend sein.

Coming-out

Wie ist es, in einer heteronormativen Welt zu merken, dass man nicht heterosexuell oder cis ist? Das Gefühl, „nicht zu passen“, kann insbesondere am Anfang, in der Phase des inneren Coming-outs, viel Unsicherheit und Angst hervorrufen. Bin ich wirklich schwul? Geht es den anderen genauso? Was passiert, wenn es jemand herausfindet? Das innere Coming-out kann einige Wochen oder Monate, häufig auch viele Jahre dauern. Einige trauen sich aus Angst vor Ablehnung oder Gewalt nie oder erst sehr spät in ihrem Leben, den nächsten Schritt zu gehen: sich ihren engsten Freund*innen oder Verwandten anzuvertrauen und ihnen mitzuteilen, wer sie sind, wie sie ihre Identität oder sexuelle Orientierung empfinden und bezeichnen.

Das äußere Coming-out ist für viele ein großer Einschnitt. Es bleibt allerdings meist keine einzelne Aktion, denn LGBTIQ* sehen sich in ihrem Leben immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob sie sich in einer bestimmten Situation outen wollen oder müssen. Soll es die entfernte Tante wissen, die auf Familienfeiern immer wieder nachhakt, ob die Nichte nicht mal ihren Freund mitbringen will? Sollen die anderen in der Schule erfahren, in welche Jugendgruppe jemand einmal in der Woche geht? Wieviel Einblick dürfen die Arbeitskolleginnen erhalten, die am Montag begeistert vom Wochenende mit ihren Ehepartnerinnen und Kindern berichten? Überhaupt ist es für LGBTIQ* viel schwieriger, eine Familie zu gründen und Eltern zu werden. Das hat keine biologischen Ursachen, sondern juristische, politische und gesellschaftliche. Diese Fragen und der damit verbundene Stress begleiten LGBTIQ* ihr Leben lang. Heterosexuelle cis-Menschen hingegen kennen diese Belastungen nicht. Deshalb können sie auch kein Coming-out haben.

Wenn sich LGBTIQ-Personen in einer Situation nicht outen, sind sie möglicherweise nicht homo- oder transfeindlicher Diskriminierung ausgesetzt. Sie können so tun, als seien sie cis und heterosexuell. Umgekehrt können auch cis-heterosexuelle Personen von homo- und transfeindlicher Gewalt betroffen sein. Ein schwulenfeindlicher Spruch ist immer eine Beleidigung, auch wenn die beleidigte Person nicht schwul ist. Allerdings: Immer wieder die eigene Identität zu verleugnen und sich zu verstellen, kann ebenso belastend sein wie die Angst vor Beleidigungen, Mobbing und Gewalt. Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit machen krank – sowohl die Angefeindeten als auch die Gesellschaft. Sie sind genau wie Rassismus, Antisemitismus und alle anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ein Gift, das einzelne trifft und bei allen wirkt.

Stefan Müller hat Linguistik, Geschichte und Politikwissenschaften studiert und ist bei einem freien Träger in Berlin als Psychologischer Berater und in der Jugendarbeit tätig. Daneben arbeitet er als Trainer in den Bereichen Sexuelle Bildung und (Cyber-)Mobbing.