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Foto: Björn Stysch

Rechtsextremismus

Zugehörigkeit, Homogenität, privilegierte Zugänge und Geborgenheit – das versprechen rechtspopulistische und rechtsextremistische Bewegungen. Sie bieten einfache Antworten auf die komplexen Herausforderungen heterogener Gesellschaften. Die extreme deutsche Rechte richtet sich allerdings nicht an alle deutschen Staatsbürger*innen, sondern nur an diejenigen, denen sie eine abstammungsgemäße, auf Blut basierende Volkszugehörigkeit zusprechen. Ihre Ideologieangebote schließen all die Bürger*innen aus, die eine Migrationsgeschichte aus Ost- und Südeuropa, der Türkei, dem Nahen, Mittleren und Fernen Osten, dem Maghreb und dem Balkan haben. Nicht einbezogen in die völkische Ideologie der extremen deutschen Rechten sind auch Muslim*innen, Jüdinnen*Juden, Schwarze, Romn*ja und Sinti*zza.

Es wäre jedoch naiv zu glauben, dass die 20 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die heute in Deutschland leben, selbst per se immun gegen rechtsextremistische, antisemitische und ultranationalistische Ideologien seien. Warum sollten sie weniger anfällig für demokratie- und menschenfeindliche Einstellungen sein? In der postmigrantischen Gesellschaft sind daher nicht nur Kunst und Gastronomie bunter und pluralistischer geworden, sondern auch die Palette menschenverachtender Ideologieangebote. Die Extremismen, die Anleihen aus den Herkunftsländern der Eingewanderten nehmen, stellen deswegen mittlerweile einen festen Teil des Ideologieangebots in Deutschland dar. Die rassistische und ultranationalistische Ideologie der Goldenen Morgenröte oder der Grauen Wölfe, die ebenfalls auf die Blutsgemeinschaft, allerdings die der Griech*innen oder Türk*innen rekurriert, ist für Jugendliche aus Familien mit griechischer oder türkischer Einwanderungsgeschichte attraktiver als eine rechtsextreme schlagende Studentenverbindung oder eine rechte Kameradschaft. Denn von diesen werden sie meist nicht als ihresgleichen akzeptiert.

Unsere Kinder – unsere Aufgabe

Pädagog*innen tragen die Verantwortung für alle Kinder und Jugendlichen, die ihnen anvertraut sind. Sie stammen aus Familien mit unterschiedlichen Geschichten, aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus – und auf diese muss die Schule in Deutschland eingehen, weil es die Geschichten der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind. Voraussetzung für einen gelungenen Umgang damit ist, dass die Mehrheitsgesellschaft auch die transnationale Extremismen als ihr ureigenes Problem annimmt, anstatt sie als ein Problem der „anderen“ von sich zu weisen.

Jugendliche, die in Deutschland aufwachsen und in die Schule gehen, werden in erster Linie durch die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse hier geprägt und nicht durch die in der Türkei, Russland, Polen oder Griechenland. Wenn sie sich nun einer Organisation anschließen, die in diesen Ländern ihren Ursprung hat, ist das vor allem eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse hier, auf ihre Desintegrations- und Diskriminierungserfahrungen in Deutschland. Dazu kommen politische und militärische Entwicklungen, die bereits vorhandene Spannungen unter Minderheitengruppen verstärken oder weitere entstehen lassen. Sie spiegeln sich in den Schulklassen wider. Gesellschaftliche Spannungen und Krisen erzeugen Ängste, befördern polarisierende Identitätsdebatten und Abgrenzungsbedürfnisse.

Der Kontext ist entscheidend

Ein ernstzunehmendes Argument, das gegen eine Thematisierung der Täterschaft von gesellschaftlich unterlegenen Gruppen zu sprechen scheint, ist, dass dies Wasser auf die Mühlen der dominanten Gruppen sein kann, die daraus eine weitere Legitimation ableiten könnten, die unterlegene Gruppe noch stärker zu diskriminieren oder gar körperlich anzugreifen. Kurz: Sprechen wir zu laut über sexistische Haltungen von jungen Männern, die aus Syrien geflüchtet sind, könnte dies zu einer noch stärkeren Stigmatisierung aller Geflüchteten durch rassistische Angehörige der Mehrheitsgesellschaft führen. Damit muss tatsächlich gerechnet werden. Folgte man alleine dieser Argumentation, gäbe es allerdings nie einen geeigneten Zeitpunkt, um über die Täterschaft von Minderheiten zu sprechen.

Die Instrumentalisierung von Schuldzuweisungen findet regelmäßig statt, wenn die Täter*innen in der gesellschaftlichen schwächeren Position sind, aber sie bleibt auch dann nicht aus, wenn es um Schuldzuweisungen an die Mehrheitsgesellschaft geht: Dass der Sexismus von Geflüchteten von Rassist*innen der Mehrheitsgesellschaft genutzt wird, können wir jeden Tag beobachten. Es gilt, jede Instrumentalisierung zu dekonstruieren als das, was sie ist: eine Instrumentalisierung, die keine Problemlösung bietet. Sie darf uns nicht davon abhalten, unsere konsequente Haltung gegenüber jeder Form von Menschenverachtung aufrecht zu halten.

Das Machtgefälle beachten

Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch diskriminieren kann. Trotzdem müssen wir uns jederzeit bewusst sein, dass institutionelle und strukturelle Diskriminierungen unabhängig vom Verhalten von Individuen existieren und diese politisch zu bekämpfen sind. Von diesen institutionellen und strukturellen Diskriminierungen sind Mehrheit und Minderheiten, aber auch Frauen und Männer sehr unterschiedlich stark betroffen. Deshalb macht es einen entscheidenden Unterschied, ob menschenfeindliche Haltungen und Diskriminierungen von einer Minderheit oder der Mehrheit einer Gesellschaft ausgehen. Das Machtgefälle zwischen den Akteur*innen ist ausschlaggebend. Es ist ein Unterschied, ob beispielsweise Geflüchtete, die über keinerlei Bürgerrechte verfügen, Diskriminierung ausüben oder ob dies Angehörige der mächtigen gesellschaftlichen Eliten tun. Nicht etwa deshalb, weil die eine Form der Diskriminierung mehr oder weniger kritikwürdig wäre. Keineswegs. Aber die Einordnung und der pädagogische Umgang müssen den Kontext der Aktion berücksichtigen, um effektive Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Diese Berücksichtigung des Machtgefälles zwischen den Diskriminierenden und den Diskriminierten bedeutet keine Legitimation der Menschenfeindlichkeit.

Was kann Schule leisten?

Eine Schule wird kompetenter im Umgang mit diversen Ungleichheitsideologien, wenn sie genug Menschen hat, die eine sprachliche oder eine biografische Nähe zu ihren Schüler*innen besitzen. Denn auch Schüler*innen mit Migrationshintergrund wollen in der Schule Erwachsene vorfinden, die ihnen äußerlich ähnlich sind, dieselbe Erstsprache gelernt haben, dieselben Gebete sprechen oder genauso gut Blinis kochen können wie sie. Deswegen brauchen wir mehr migrantische Pädagog*innen, mehr interkulturelle Kompetenz – nicht nur in der Schule, sondern auch in der Politik, in den Medien, in der Verwaltung, in der Wissenschaft. Überall.

Sanem Kleff ist Direktorin der Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, Eberhard Seidel der Geschäftsführer.

Mehr zum Thema findet ihr in den Themenheften neuer deutscher extremismus* und Rechtspopulismus, im Baustein Transnationaler Extremismus und in den Handbüchern für die Grund- und Sekundarstufe.