Foto: Mühlenau Grundschule in Berlin

Flucht & Asyl

Im Unterricht wird das Thema Flucht und Asyl laut Lehrplan oft nur angerissen; zuweilen auch ganz übersprungen. Auf der Straße und in Elternhäusern ist dafür immer wieder von Asylbewerber*innen die Rede; nicht selten immer noch abwertend von „Asylanten“. Auch in den Medien sind sie ein Thema – häufig allerdings in aller Kürze: Da werden Bilder von Schiffen voller afrikanischer Flüchtlinge gezeigt, ohne dass auch nur ein einziger einen Namen und ein Gesicht bekommt. Auch die Gründe für die Flucht werden nur selten erörtert.

An Schulen wird das Problem konkret, wenn Mitschüler*innen geflüchtet sind. Sie können womöglich nicht mit auf Klassenfahrt, weil sie aufgrund der sogenannten Residenzpflicht den Landkreis nicht verlassen dürfem. Oder sind gar von Abschiebung bedroht. Aber auch wenn der Kontakt zu gelüchteten Menschen schwerer herzustellen ist, gilt: Jugendliche können sensibilisiert werden. Es braucht nur ein bisschen Phantasie. Und, wie immer, eine ordentliche Portion Engagement. Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage machen vor, wie es geht.

Die Jenaplan-Schule in Jena

Als Annelie Hirsch an die Schule kam, dachte sie: Wow! Neue Unterrichtsformen, aufgelockerte Tagesabläufe, gemeinsames Lernen von Älteren und Jüngeren. Und vor allem: Schüler*innen, die sich für die Welt, in der sie leben, interessierten. Offen für Neues waren, Antworten auf Fragen suchten, Lust hatten, sich über den Lauf der Welt Gedanken zu machen und aktiv zu werden. Nicht alle natürlich, aber mehr, als die Lehramts-Studierende zu hoffen gewagt hatte.

Genaugenommen war die angehende Lehrerin so begeistert, dass sie der Schule auch nach ihrem Praktikum – das im Rahmen ihres Studiums stattfand – erhalten blieb. Mit Unterstützung engagierter Lehrer*innen rief sie das Projekt „Was heißt hier fremd?“ ins Leben. Sie wollte mit den Siebt- bis Neuntklässlern Kontakt zu Asylbewerber*innen und von Abschiebung bedrohten Menschen suchen. Mit ihnen darüber reden, wo sie herkommen, wie das ist, die Heimat, häufig unter Einsatz des Lebens, verlassen zu müssen. In der Fremde anzukommen und sich in die Mühlen eines Asylverfahrens zu begeben, in dem Formalia mehr zählen als persönliches Erleben. Ganz so, wie sie sich das vorgestellt hatte, klappte das nicht. Denn in Zeiten, in denen es immer schwieriger wird, Deutschland zu erreichen, war die Erstaufnahmestelle der Stadt Jena verlagert worden – und es gab gar keine Asylbewerber*innen mehr in der Stadt.

Verein zur Unterstützung von Asylbewerber*innen

Also suchten sie andere Gesprächspartner: Eine Irakerin zum Beispiel, die vor vielen Jahren als politisch Verfolgte nach Deutschland kam, einen Verein zur Unterstützung von Asylbewerber*innen gegründet hat und im Integrationsbeirat der Stadt aktiv ist; ferner Dörte Thiele, die Integrationsbeauftragte Jenas, einen Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sowie Gruppen, die sich für Menschenrechte und gegen Rechtsextremismus engagieren.

Über drei Wochen je fünf Stunden pro Tag machten sich die Schüler*innen mit auf die Suche. Sie formulierten Fragen, führten Interviews, werteten Ergebnisse aus: Was macht das mit einem Leben, wenn es verpflanzt wird? Welche psychischen Folgen können Krieg und Flucht haben? Wie funktioniert ein Asylantrag? Am Ende gestalteten sie große und kleine Würfel: Einen großen, der die Arbeit der Gruppe reflektierte; einen kleinen unter ihrem persönlichen Motto: „Was heißt fremd, und was bedeutet Heimat für mich? Was fasziniert mich an der Fremde und was macht mir Angst?" Und warum Würfel? „Ganz einfach“, sagt Annelie Hirsch, „weil es bei jeder Flucht immer auch um Zufall geht: Wie werden die Würfel fallen? Wohin geht die Reise?“ Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Kurz vor Ostern 2010 präsentierten die Schüler ihre kleine Ausstellung den Mitschüler*innen und im Juli 2010 den Bürger*innen Jenas im Johannisturm mit begleitenden Veranstaltungen.