Ein Teilnehmer des Workshops "Islam, Islamismus und muslimische Jugendliche in Deutschland" auf dem Landestreffen 2011 in Dessau. Foto: Metin Yilmaz

Islamismus

Der innere Frieden der Gesellschaft wird nicht nur von Rechtsextremist*innen oder Muslimfeind*innen gefährdet, sondern auch von islamistischen Gruppen. Gruppen, die sich auf den Islam beziehen, um ihre Ideologien der Ungleichwertigkeit und die Anwendung von Gewalt zu legitimieren.

Islamisch oder islamistisch? Es ist nicht immer einfach, eine deutliche Trennlinie zu ziehen. Eines ist indes klar: Über Aufrufe zur Gewalt lässt sich nicht streiten, egal in welchen (jugend)kulturellen Formen sie zum Ausdruck kommen. Ähnliches gilt für frauenfeindliche, homophobe, antisemitische oder andere antidemokratische Positionen, die sich vermeintlich auf religiöse Quellen beziehen.

Genauso unstrittig muss aber sein: Religiöse Überzeugungen und Lebensformen sind zunächt einmal Sache eines jeden Einzelnen und verdienen Respekt – und dies selbst dann, wenn es sich um Vorstellungen handelt, die der Mehrheit der Gesellschaft unverständlich sind. Natürlich gilt dies nur, so lange nicht die Rechte anderer Individuen angetastet werden. Für die pädagogische Auseinandersetzung, in der Schule zum Beispiel, bedeutet dies unter anderem, dort Grenzen zu setzen, wo Gläubige die individuellen Entscheidungen anderer zu beschneiden versuchen. Oft geschieht diese Beschneidung individueller Rechte in unspektakulären, unauffälligen und vermeintlich banalen Situationen: zum Beispiel mit dem Verächtlichmachen bestimmter Kleidungsstile als „unislamisch“ oder in der Kritik eines muslimischen Mädchens, das kein Kopftuch trägt oder zusammen mit Jungen am Schwimmunterricht teilnimmt. Den Kritiker*innen geht es dabei nicht um das Ansehen des Einzelnen vor Gott. Die Denunziation anderer als sündig oder unislamisch zielt vielmehr darauf, ihre strenge Interpretation des Islam als einzig wahre und allgemeingültige festzulegen und sie anderen aufzuzwingen.

Was ist der Islamismus?

Nahezu alle Definitionen bezeichnen den Islamismus als eine Ideologie, der zufolge der Islam a) alle Bereiche des menschlichen Lebens regeln soll; b) der Staat und die Gesellschaft islamisch ausgerichtet sein sollen; und c) eine Trennung zwischen privatem Glauben und öffentlichem Raum nicht gegeben sein soll. Ein Alternativbegriff zu Islamismus ist Politischer Islam. Für den gewöhnlichen Muslim ist sein Glauben vor allem Privatsache. Ein Islamist sieht das anders; ähnlich wie auch die Fundamentalist*innen anderer Religionsgemeinschaften.

Salafist*innen sind eine Teilmenge von Islamist*innen. Sie heißen so, weil sie sich in allem, was sie tun und glauben, vor allem auf die Salaf al-Salih beziehen, die „reinen Altvorderen“. Für Salafisten gelten die Zustände in der von Mohammed geführten Stadt Medina im siebten Jahrhundert als Idealzustand der menschlichen Geschichte, der wiederhergestellt werden soll.

Salafisten gliedern sich grob gesagt in drei Unterströmungen: in politische Salafisten, die aktiv an der Umwandlung der Gesellschaften mitwirken; Quietisten, denen es vor allem um Religion geht; und die Minderheit der radikalen, gewaltbereiten Salafisten. Letztgenannte sind es, die auch als Dschihadisten bezeichnet werden; als Salafisten, die ihr Gesellschaftsideal mit revolutionärer Gewalt herbeizwingen wollen. Den Dschihad legen sie allein als bewaffneten Kampf aus, den sie nicht nur gegen Christen, Juden und Atheisten führen, sondern auch und vor allem gegen moderate Muslime, die in ihren Augen Ungläubige oder Abtrünnige sind.

Zu den Dschihadist*innen zählten in Deutschland laut Verfassungsschutz Anfang 2015 ein paar hundert Personen; zu den Salafist*innen über 7.000; Islamist*innen sollen rund 40.000 Menschen sein. Das macht auch deutlich: Die überwiegende Mehrheit der IslamistInnen hierzulande verzichtet auf Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele. Muslim*innen leben in Deutschland rund vier Millionen.

Der salafistische Prediger Pierre Vogel betet im Juli 2014 in Hamburg auf einer Kundgebung mit rund 300 Anhängern. Foto: Markus Scholz/dpa


Was macht den Islamismus attraktiv für Jugendliche in Deutschland?


In Deutschland gibt es vor allem zwei Heilversprechen, die die Systemüberwindung und die Erhöhung der eigenen Person in Aussicht stellen: den Rechtsextremismus und den Islamismus. Der deutsche Rechtsextremismus mit seinem ideologischen völkischen Fundament ist für Jugendliche und junge Erwachsene aus Migrantenfamilien aus naheliegenden Gründen unattraktiv. Der Islamismus hingegen zielt nicht auf das Blutsprinzip und damit auf die nicht mehr änderbare Abstammung ab – er lädt jeden ein, der sich zum einen zum Islam und zum zweiten zur spezifischen und radikalen Interpretation der Quellen bekennt. Der Islamismus ist so etwas wie der Internationalismus des 21. Jahrhunderts und deshalb auch für Sinn- und Aktionssuchende attraktiv, denen der Islam nicht in die Wiege gelegt wurde.

Individualismus und Liberalismus werden von Islamist*innen radikal abgelehnt. Sie bekämpfen die ökonomische, militärische und kulturelle Dominanz des Westens und sehen die USA und Israel als ihre ärgsten Feinde an. Mit diesen ideologischen Versatzstücken, wenn auch nicht mit der Wahl der Mittel, können sich außer islamistischen Gruppen auch viele andere identifizieren: rechtsextreme Gruppen, Teile der Antiglobalisierungsbewegung sowie der Linksextremisten. Insoweit unterscheiden sich dschihadistische Gruppen nicht von links- und rechtsextremistischen Terrororganisationen des 20. Jahrhunderts.

Die Propaganda der salafistischen und dschihadistischen Gruppen funktioniert bei einem Teil der umworbenen Jugendlichen gut: Sie packen sie bei ihren Emotionen und bieten ein geschlossenes Weltbild an, das auf alle Fragen Antworten aus dem Koran und dem Leben des Propheten bereit hält. „Natürlich wirst du als Muslim diskriminiert“, sagen sie – schließlich lebst du unter Ungläubigen, deren einziges Ziel der Krieg gegen den Islam als solches ist! Diese schlichte Botschaft dringt nicht zuletzt aus hochprofessionell hergestellten Videos. Mit Musik unterlegt bieten sie Heldenfiguren zur Identifikation an, erzeugen mit dem Leiden der Muslim*innen anderswo auf der Welt ein schlechtes Gewissen und geben ein Heilsversprechen ab. Zudem äußern sich diese Gruppen häufig betont rebellisch und antikapitalistisch, um noch mehr Menschen anzusprechen.

Unter jenen, die zum Dschihadismus konvertierten, haben nicht alle von vornherein die Radikalität gesucht: die Radikalisierung findet nicht schlagartig statt; sie ist ein schleichender Prozess. Extremist*innen haben – und das ist ein großes Problem – funktionierende Strategien entwickelt, instabile, sinnsuchende junge Menschen und vor allem Muslim*innen anzusprechen. Das können sie gut – oft besser als die jeweilige Umgebung. Der deutschen Gesellschaft sollte das zu denken geben: Die Extremisten stoßen in eine Lücke – das dahinter liegende Problem ist zu einem großen Teil, dass wir diese Menschen zu Rebell*innen ohne Ziel und Orientierung werden lassen. Warum fühlen sich so viele junge Muslim*innen überhaupt ausgegrenzt und sind deshalb so offen für die Erzählungen der Dschihadisten? Schulen, die den Anspruch haben, sich gegen jede Form von Diskriminierung zu wehren, sind hier in der Verantwortung.

 
In dem Handbuch Islam & Schule hat die Bundeskoordination ausführlich und anhand vieler Beispiele beschrieben, wie Islamismusprävention aussehen kann. Weitere Informationen findet ihr außerdem im Themenheft Islam & Ich.