Antifeminismus: Einfallstor für Rechtsextremismus
Wie externe Expert*innen die Demokratiebildung an Schulen bereichern, zeigt dieser Erfahrungsbericht.
Wenn Wiebke Eltze in Schulen geht, kommt sie mit ganz verschiedenen Themen: Die freie Trainerin nimmt Verschwörungsmythen, Online-Radikalisierung, oder rassistische Sprüche auseinander. Und sie bietet einen Workshop an, der für viele Schüler*innen erst einmal überraschend ist: zu Antifeminismus und Anti-Gender-Mobilisierung.
„Antifeminismus ist ein Einfallstor für Rechtsextremismus“ sagt Wiebke Eltze, „das liegt daran, dass viele seiner Parolen bis in die Mitte der Gesellschaft anschlussfähig sind.“ „Frauen sind zu emotional für Führungspositionen“, „Sexuelle Vielfalt soll aus Lehrplänen gestrichen werden“ – beides sind Beispiele für Positionen, die weit über die extreme Rechte hinaus Anklang finden. Als Wiebke Eltze 2023 beim Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage-Bundeskongress einen Workshop mit 15 Pädagog*innen veranstaltete, fiel auch ihnen sofort ein, wo ihnen Antifeminismus begegnet. Eine erzählte, auf ihren Satz „Ich bin Feministin“ habe ein Schüler entgeistert entgegnet: „Ich dachte, Sie sind verheiratet!“
Wider Vielfaltspädagogik und Gender Studies
Die breite Palette antifeministischer Themen überraschte indes auch hier: Antifeminist*innen – ja, es sind auch Frauen darunter – sind gegen jede Maßnahme zur Bekämpfung von Sexismus, gegen die Selbstbestimmungsrechte aller Geschlechter und plurale Lebensformen, gegen Vielfaltspädagogik und Gender Studies und vieles mehr. Schon damit ist klar, dass ihre Positionen sich auch in der CDU finden – etwa bei der ehemaligen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, die sich beim CDU-Parteitag 2022 gegen den Begriff „Gleichstellung“ in der Grundwertecharta positionierte.[1] Von „Gleichstellungstotalitarismus“ – so die Abgeordnete Nicole Höchst 2018 im Bundestag – spricht allerdings nur die AfD.[2] Wiebke Eltze sagt: „Immer droht gleich der Weltuntergang, das eint Rechtspopulismus und Antifeminismus.“
Treffpunkt Internet
Ein wichtiger Ort zur Verbreitung antifeministischer Ideologien ist das Internet. Dort treffen sich beispielsweise Incels („Involuntary Celibate“): heterosexuelle Männer, die nach eigener Aussage „unfreiwillig“ keinen Geschlechtsverkehr haben, wofür sie Frauen bestrafen wollen. Häufig üben sie massiv digitale Gewalt gegen Frauen und LGBTIQA+ aus und rufen dazu auf, sich tätlich gegen sie zu „wehren“.
Wie weit antifeministische Ideologien in die Radikalisierung rechtsextremer Gewalttäter hineinwirken, machen eine Reihe Anschläge auf tragische Weise deutlich: Der Attentäter, der 2019 versuchte, in die Synagoge in Halle einzudringen und dann im Umfeld zwei Menschen erschoss, hörte noch am Tattag einen Song, der das Attentat von Toronto verherrlicht, bei dem ein Frauenhasser 2018 elf Menschen tötete.[3] Im US-amerikanischen Orlando starben 2016 49 Menschen, als ein islamistischer Attentäter in einen lateinamerikanisch geprägten Club der LGBTIQA+-Community eindrang. In Dresden verübte 2020 ein Islamist eine Messerattacke auf ein homosexuelles Paar, bei dem einer der Partner sein Leben verlor. Alle diese Anschläge machen zugleich die Verschränkung – oder Intersektionalität – menschenverachtender Ideologien deutlich. Und sie zeigen, wie wichtig es ist, Sexismus und Antifeminismus als demokratiegefährdend ernst zu nehmen und sich dagegen zu verhalten.
Argumentationstraining gegen rechts
In ihren Schulworkshops geht es Wiebke Eltze um Argumentationsstrategien, um das Finden angemessener Antworten. Mithilfe von Bildern und Sprüchen auf dem Boden; in Rollenspielen; in einer Aufstellung: Die Workshops sind wie ein Trainingscamp, in dem Situationen und die eigene Handlungsfähigkeit eingeschätzt und besprochen werden. Ein Beispiel: Eine Schülerin erzählt von einem Mitschüler, der immer wieder behauptet, Putzen sei Frauenarbeit. Wie könnte man reagieren, fragt Wiebke Eltze. Ein Weg wäre, zu kontern. „Man könnte ihn fragen, ob er jetzt sein Gewehr holt und jagen geht“, und ihn mit der Dummheit sexistischer Stereotype konfrontieren, so ein Vorschlag. Andere in der Runde regen eine Diskussion über Rollenvorstellungen an. Klar wird: Es gibt einen Fächer an Optionen – Humor, Sachlichkeit, Gegenargumente. Auch der Hinweis auf das Gesetz und ethische Werte zählen dazu. Ein genereller Tipp von Wiebke Eltze: „Nachfragen, Rückfragen oder Hinterfragen. Also zum Beispiel so nachzuhaken: Habe ich dich da richtig verstanden? Wen meinst du mit Die und Wir? Kannst du das belegen?“
Die Trainerin rät zu Reaktionen, die zur Persönlichkeit passen. Und dazu, Ziele wie Setting zu bedenken: Geschlossene Weltbilder wie bedrohliche Situationen sind gute Gründe, sich nicht auf eine Debatte einzulassen. In einem sicheren Rahmen können Ziele des Widerspruchs sein, andere Perspektiven aufzuzeigen – oder auch jene zu unterstützen, die von Diskriminierung betroffen sind.
Jeannette Goddar
[1] www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/feminismus-wie-gerecht-gleichstellung-wirklich-sein-kann-18095316.html
[2] www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2018/kw09-de-internationaler-weltfrauentag-544472
[3] https://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2019/Halle-reiht-sich-in-die-Serie-frauenfeindlicher-Attentate-ein,frauenhass120.html