Impulse für die Demokratiebildung: Der Bundeskongress im Rückblick
Der Bundeskongress von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage endete nach zwei Tagen voller spannender Vorträge und Workshops, einem Open Space, einem Markt der Möglichkeiten und Musik.
Auf dem Bundeskongress von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage zum Thema „Kinder und Jugendliche stärken unsere Demokratie“ kamen am 18. und 19. September 2025 mehr als 170 Teilnehmende im Festsaal Kreuzberg in Berlin zusammen, um sich auszutauschen, Synergien zu finden und um sich von Sanem Kleff zu verabschieden, die zum Jahresende nach 25 Jahren die Leitung der Bundeskoordination abgibt.
Zu den Redner*innen gehörten Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, und Cemile Giousouf, Leiterin der Fachabteilung und Vertreterin des Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, die mit wertschätzenden Worten die Arbeit des Netzwerks würdigten. Kinderrechtsexperte Roland Roth sprach im Eröffnungsvortrag über die Notwendigkeit von Beteiligungsmöglichkeiten für junge Menschen.
Einmal jährlich werden die politischen, strategischen und organisatorischen Herausforderungen des größten Schulnetzwerks in Deutschland auf dem Bundeskongress in Berlin diskutiert, zu dem die Mitarbeitenden der 130 Koordinierungsstellen sowie von Kooperationspartner*innen und Förderern zusammenkommen. In einem Open Space, Vorträgen und Workshops setzten sich die Teilnehmenden mit den aktuellen demokratiefeindlichen Entwicklungen in unserer Gesellschaft auseinander und damit, wie das Netzwerk junge Menschen dabei unterstützen kann, sich für die Gleichwertigkeit aller Menschen einzusetzen, demokratische Prinzipien wie Partizipation zu leben und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Mehr als 20 Organisationen und Träger der politischen Bildung präsentierten ihre Angebote und Materialien auf dem Bundeskongress, stellvertretend für die 374 offiziellen Kooperationspartner*innen von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage.
Direktorin Sanem Kleff stellte im Rahmen der Eröffnung des Kongresses die Verstärkung der Leitung der Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage vor: Nadia Zitouni und Carsten Völtzke werden bis zum 31. Dezember 2025 gemeinsam mit Sanem Kleff und Eberhard Seidel die Bundeskoordination leiten und ab dem kommenden Jahr als Doppelspitze übernehmen. Im Anschluss ging Sanem Kleff auf die erschwerte Situation an den Schulen ein: „Bislang hat die Mehrheit in einer Schule unsere Werte geteilt, durch den sich verbreitenden Rechtsextremismus können wir aber inzwischen nicht mehr davon ausgehen“, sagte Sanem Kleff in ihrer Rede. „Ideologien der Menschenfeindlichkeit sind überall auf dem Vormarsch. […] Wir sind zusammengekommen, weil wir uns gegenseitig brauchen.“ Am Ende erinnerte sie an das Hashtag des Netzwerks #WirSindNichtNeutral und sagte: „Wir stehen zu unserem Menschenbild und setzen uns dafür ein.“
Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, sprach anschließend ein Grußwort: „Ich freue mich, wenn der Bund Programme wie Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage fördert, die sich so breit entfalten“ und sprach ihren Dank an die Schüler*innen, Pädagog*innen und Pat*innen für ihr Engagement aus. „Demokratie muss gelernt, geübt und verteidigt werden. In jeder Generation gibt es neue Herausforderungen. Dazu gehört das Unterscheiden von Fakten von Meinungen. Und es haben nicht mehr alle Menschen das gleiche Demokratieverständnis in unserem Land. Daran müssen wir arbeiten.“ Schließlich betonte sie: „Wir müssen auch Empathie vermitteln. Das fängt bereits in der Kita an – wie auch die Demokratiebildung.“
Cemile Giousouf, Leiterin der Fachabteilung und Vertreterin des Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, wandte sich mit einer Videobotschaft an die Teilnehmenden: „Der Titel des diesjährigen Kongresses ‚Kinder und Jugendliche stärken unsere Demokratie‘ hat eine doppelte Bedeutung: Kinder und Jugendliche sind eine tragende Säule unserer demokratischen Kultur. Zugleich ist das Motto eine Handlungsaufforderung an uns Erwachsene, dies anzuerkennen, zu fördern und weiter auszubauen. Wir sind diejenigen, die Beteiligung ermöglichen müssen – und dafür sorgen, dass Engagement nicht im Sande verläuft.“
Die Bundeszentrale für politische Bildung ist eine langjährige Partnerin des Netzwerks Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage und hat den Bundeskongress wie in den Vorjahren finanziert.
Den diesjährigen Fachvortrag hielt Prof. Dr. Roland Roth, Beiratsmitglied von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. „Wir erleben Demokratie als ein Kampffeld um unterschiedliche Demokratievorstellungen“, sagte er. Roth plädierte dafür, das Modell der vielfältigen Demokratie zu verfolgen; eine verantwortliche Repräsentation in Regierungen und Parlamenten reiche nicht aus: „Wir brauchen alle möglichen Formen der Beteiligung. Wir müssen uns von einem ,Ihr macht das schon‘ verabschieden. Dazu gehören auch Protest und Widerspruch.“ Auf zwei Beteiligungsmöglichkeiten für junge Menschen ging er ausführlich ein: das Wahlalter ab 16 und Kinder- und Jugendparlamente. Er zeigte in seiner Analyse, warum derartige Demokratieerfahrungen von Kindern und Jugendlichen essentiell für den Erhalt unserer Demokratie sind. Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage komme in diesem Zusammenhang eine zweifache Rolle zu: Zum einen fördere das Netzwerk Beteiligung an der Schule, zum anderen ermögliche es Öffnungen in den kommunalen Raum.






Am Nachmittag wurden die Themen für den Open Space gesammelt und anschließend in Arbeitsgruppen diskutiert. Es ging um Methoden für Menschenrechte, die auch Spaß machen sollen, die Frage, wie unser Netzwerk Lehrer*innen stärken und unterstützen kann, bis zu der ganz praktischen Herausforderung „Wie agieren ohne Geld?“. Immer wieder wurden die oft knappen Ressourcen angesprochen – an den Schulen und in den Koordinierungsstellen.
Ein emotionales Highlight des ersten Kongresstages war die Verabschiedung von Sanem Kleff, die seit 25 Jahren als Direktorin das Netzwerk zu dem gemacht hat, was es heute ist: Das größte Schulnetzwerk Deutschlands mit einer Struktur, die mit ihren 130 Koordinierungsstellen in allen Bundesländern und vielen Regionen vor Ort wirken kann.
Norbert Hocke und Ana-Maria Trăsnea vom Vorstand von Aktion Courage e. V. sowie Alexander Freier-Winterwerb, Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin, der dem Courage-Netzwerk seit seiner Schulzeit verbunden ist, sprachen sehr persönlich über Sanem Kleffs Verdienste – verbunden mit herzlichem Dank. Auch Cem Özdemir, Mitbegründer von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage und ehemaliger Bundesminister, bedankte sich in einer Videobotschaft bei Sanem Kleff für ihr langjähriges Engagement. Von den Dankesreden auf der Bühne war das Plenum sichtlich berührt, und es folgte ein nicht enden wollender Applaus. Zum Tagesabschluss kam der Festsaal Kreuzberg, in dem normalerweise Konzerte stattfinden, in seiner eigentlichen Funktion zum Einsatz: Die beiden Schul-Paten Matondo und Mal Élevé rappten zu ihren Beats bis das gesamte Publikum tanzte.






Am zweiten Kongresstag begrüßte die neue Geschäftsführung das Plenum. „Bei allem Gegenwind wollen wir unser Ziel nicht aus den Augen verlieren und für Demokratie kämpfen“, so Nadia Zitouni, Geschäftsführerin Finanzen & Medien der Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Carsten Völtzke, Geschäftsführer Struktur & Qualität der Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, gab in seinem Vortrag „Solidarisch bleiben – wirksam handeln“ einen Ein- und Ausblick auf die Vorhaben und Ziele der neuen Leitung.
Die Teilnehmenden verteilten sich daraufhin in acht Workshops, zum Beispiel „Ungleichheit entgegenwirken“ mit Dr. Cihan Sinanoğlu, Leiter der Geschäftsstelle des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors, oder „Strukturen der Partizipation in Schule und Kommune“ mit Janis Fifka von der Akademie für Kinder- und Jugendparlamente Berlin. Im Abschlussplenum wurde erneut deutlich, wie wertvoll der Austausch auf dem Kongress ist und wie wichtig die Begegnungen der unterschiedlichen Akteur*innen aus ganz Deutschland sind, die zusammen als starkes Netzwerk für ein demokratisches Miteinander einstehen und sich für die Gleichwertigkeit aller Menschen stark machen. Die beiden Geschäftsführer*innen schlossen den Bundeskongress mit einem großen Dank an das Plenum und alle Akteur*innen des Netzwerks.