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Ableismus

Der durch die US-amerikanische Behindertenbewegung eingeführte Begriff „Ableism“ wird ins Deutsche mit „Ableismus“ übersetzt (die erste Silbe wird wie im Englischen bei „to be able“ ausgesprochen: Äi-bel-is-mus). Er umfasst alle möglichen Formen von Diskriminierung, Ausgrenzung, Benachteiligung und Gewalt, die Menschen, die als „behindert“ bezeichnet werden, erfahren.

In diesem Artikel geht es um Ableismus in Schulen. Dabei beziehe ich mich auf die Definition von Ableismus der US-amerikanischen Forscher*in Talila A. Lewis. Lewis geht davon aus, dass die körperlichen, geistigen und psychischen Fähigkeiten der Menschen anhand von gesellschaftlich konstruierten Vorstellungen von Normalität, Intelligenz und Exzellenz bewertet werden. Das heißt, dass das, was in unseren Gesellschaften als „normal“ gilt, nicht einfach „schon immer normal“ war oder „natürlich ist“, sondern eine Vorstellung, die gesellschaftlich entwickelt wurde und auch wieder verändert werden kann.

Was gilt als „normal“, was ist „natürlich“?

Als „normal“ gilt zum Beispiel, dass ein Kind mit ungefähr einem Jahr zu laufen anfängt, es, wenn es in den Kindergarten kommt, laufen und alleine auf die Toilette gehen kann. Es wird als normal angesehen, dass Menschen ein bestimmtes Farbspektrum sehen und ein bestimmtes Frequenzspektrum hören können. Festgelegt wird dies anhand von Statistiken. So Normalität zu verstehen ist historisch relativ neu, es ist eine recht junge kulturelle Denkweise. Und nun zum Begriff „natürlich“: Es ist natürlich, dass sich Menschen in ihrem Aussehen, ihren Fähigkeiten und ihren gesundheitlichen Zuständen unterscheiden. Nicht natürlich, sondern menschlich und historisch abhängig ist es, diesen Verschiedenheiten unterschiedliche Werte wie „gut“ und „schlecht“ zu geben. Zum Beispiel gelten Schüler*innen, die mehr Rechtschreibfehler machen, als schlechter als welche, die keine machen. Diese Wertung ist nichts „Natürliches“ oder selbsterklärend, sondern ergibt nur vor dem Hintergrund eines Wertesystems Sinn, das sich Menschen ausgedacht haben.

Das von Lewis benannte Bewertungssystem bildet die Grundlage für viele Formen der Diskriminierung. Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder von der Norm abweichenden körperlichen, psychischen oder geistigen Eigenschaften werden aus diesem Grund diskriminiert, ausgegrenzt und benachteiligt.

Das veränderte Verständnis von Behinderung

Bis zum Ende des letzten Jahrtausends war es noch weitverbreitet, Behinderung als ein individuelles Problem der Person zu betrachten, deren Körper, Geist oder Psyche nicht so funktionierte, wie es als „normal“ galt. Diesem Problem wurde mit Therapien, Operationen, aber auch mit Sonder-Einrichtungen und Sonder-Beschulung begegnet.

Heute wird Behinderung aber nicht mehr als Eigenschaft und Defizit einer Person verstanden, sondern als ein Zusammenspiel von einer langfristigen gesundheitlichen Einschränkung (auf körperlicher, seelischer, geistiger oder sinnlicher Ebene) und von Umweltfaktoren begriffen. Das können bauliche oder technische Barrieren, Benachteiligungen und Diskriminierungen sein. Eine dementsprechende Beschreibung von Menschen mit Behinderung findet sich auch in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) im Artikel 1. Diese hat die deutsche Regierung 2009 unterschrieben und sich damit verpflichtet, die darin mit Bezug auf Behinderung formulierten Menschenrechte anzuerkennen und umzusetzen.

Warum wir von Inklusion sprechen sollten

Es ist noch relativ neu, dass in Deutschland von Inklusion gesprochen wird. Davor war die Rede von Integration. Das Ziel der Integration besteht in der Akzeptanz und Toleranz der sogenannten „Normalen“ gegenüber Schüler*innen mit Behinderung. Die Behindertenbewegung und die Disability Studies, eine Wissenschaft, die das Thema Behinderung aus der Perspektive von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen her erforscht, stehen der Integrationsidee kritisch gegenüber. Anstatt davon auszugehen, es gebe „Normale“ und Schüler*innen mit Behinderung, sollten die Vorstellungen von Normalität hinterfragt werden. Sonst werden die Teilhabe und Wertschätzung von Menschen mit Behinderung von der Einsicht der „Normalen“ abhängig gemacht und gleichzeitig werden Schüler*innen (nicht nur) mit gesundheitlicher Einschränkung unter sehr hohen Druck gesetzt, sich anzupassen. Damit bleibt der Ableismus bei der Integration bestehen.

Die Idee der Inklusion ist es dagegen, Verschiedenheit als Bestandteil der menschlichen Vielfalt zu begreifen und dieser mit Wertschätzung und Anerkennung zu begegnen. Viele Schulleitungen, Lehrkörper, Eltern und Schüler*innen bemühen sich ernsthaft um eine anerkennende und wertschätzende Inklusion. Diese Bemühungen stehen aber dem fest im staatlichen Schulsystem verankerten Denk- und Bewertungssystem gegenüber, das Talila A. Lewis als Grundlage für Ableismus beschreibt.

Was das konkret heißt, soll im Folgenden beschrieben werden.

Bauliche Barrieren in Schulen

Baulich und in ihrer Einrichtung sind die Schulen in der Regel nicht an der körperlichen Vielfalt der Schüler*innen orientiert, sondern entsprechend eines angenommenen Einheitskörpers gestaltet. So wird beispielsweise davon ausgegangen, dass alle Kinder, Jugendliche und Lehrer*innen Treppen steigen, gehen, lange auf Stühlen sitzen, weit sehen und hören können. Auch die Höhe von Stühlen, Tischen, Toiletten und so weiter richtet sich an einer angenommenen „normalen“ Körpergröße aus. So entstehen für alle, deren Körper und Fähigkeiten nicht dem vorausgesetzten Körper entsprechen, Barrieren. Außerdem werden alle, die nicht mit den baulichen und anderen Gegebenheiten zurechtkommen, als „anders“ oder „besonders“ wahrgenommen. Sie müssen dafür kämpfen, dass für sie eine „Sonderlösung“ gefunden wird.

Die Art und Weise des Unterrichtens

Auch hier wird ein Körper vorausgesetzt, der sehen, hören, sitzen und sich über einen längeren Zeitraum konzentrieren kann. Kinder und Jugendliche, die diese Voraussetzungen nicht erfüllen, fallen negativ auf, erhalten nicht selten schlechtere Zensuren oder müssen sich als „behindert“ diagnostizieren lassen, um die Chance zu bekommen, ihnen angemessene Lernbedingungen zu erhalten. Ein Beispiel dafür ist eine andere Bewertung der Rechtschreibung bei Schüler*innen, bei denen Legasthenie, eine sogenannte Lese-Rechtschreibstörung, festgestellt wurde.

Einseitige Anerkennung des Wissens und der Fähigkeiten

Im Lehrplan wird festgelegt, an welchem Wissen und welchen Fähigkeiten die schulischen Leistungen der Schüler*innen gemessen werden. Wissen und Erfahrungen, die davon abweichen, werden als nicht relevant für das Lernen und die Lernerfolge erachtet oder sogar ignoriert und abgewertet. Dazu zählen beispielsweise Erfahrungen und das Wissen, die ein*e Schüler*in aufgrund von Krankenhausaufenthalten oder den Umgang mit baulichen Barrieren erwirbt.

Hierarchisierung der Schulen und Schüler*innen

Das deutsche Schulsystem unterscheidet Gymnasien, Gesamtschulen, Realschulen und Schulen mit Förderschwerpunkten. Dies basiert auf einer ableistischen Logik, da es Kinder und Jugendliche anhand ihrer schulischen Leistungen verschiedenen Schultypen zuweist. Die Schulzuordnung wiederum ist entscheidend für die weiteren Bildungs- und Arbeitschancen. Kinder und Jugendliche mit Behinderung haben statistisch ein erhöhtes Risiko in einer Förderschule zu landen. Diese bieten in den meisten Fällen keine höheren Schulabschlüsse an, sodass die beruflichen Chancen für die Absolvent*innen deutlich eingeschränkt sind und die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie ihr Leben lang ausgesondert werden.

Das Modell der Gesamtschule ist ein Versuch, der (Aus-)Sortierung entgegenzuwirken. Allerdings werden auch hier die Schüler*innen durch Schulnoten in schlechte und gute Schüler*innen eingeteilt. Dies führt oft zu einem Klima der Konkurrenz unter den Schüler*innen und zu einem starken Anpassungsdruck.

Ausgrenzung und Mobbing

Die Hierarchisierung der Schüler*innen und die Markierung als I-Schüler*innen bilden einen Nährboden für Ausgrenzung und Mobbing von Schüler*innen, deren Fähigkeiten, Körper oder Verhalten von der Norm abweichen. Betroffen sind also nicht nur Schüler*innen, die offiziell als „behindert“ kategorisiert sind. Auch unter sogenannten nicht-behinderten Schüler*innen findet oft ein „Wettkampf“ statt, wer am besten der Gruppennorm gerecht wird, zum Beispiel wer das tollste Handy hat, die lustigsten Witze (über andere) macht oder am besten einem Schönheits- oder Coolnessideal entspricht. Eine Strategie, selbst gut dazustehen, ist zum Beispiel das Zeigen spektakulärer Handyvideos. Leider ist das Spektakuläre oft mit der Erniedrigung eines anderen Schülers oder einer anderen Schülerin verbunden. Zu bedenken ist hier, dass diejenigen, die andere aktiv ausgrenzen und mobben, oft selbst nicht der Norm entsprechen, die in der Schulkultur festgelegt ist.


Wie stark auch in der Jugendkultur Behinderung mit Abwertung und etwas Negativem verknüpft ist, zeigt die in der Jugendsprache gebräuchliche rhetorische Frage: „Bist du behindert oder was?!“

Gewalt gegen Menschen mit Behinderung

Mit den Normalitätsvorstellungen, die von einem „gesunden“ Menschen ausgehen, werden immer wieder Gewalttaten, Zwänge und Bevormundungen gerechtfertigt. Besonders grausam wurde gegen Menschen mit Behinderung im Nationalsozialismus vorgegangenen: Ihr Leben wurde als unwert eingestuft, sie wurden missbraucht und getötet. Aber auch heute gibt es noch die Ausübung von Gewalt und Zwang gegenüber Menschen mit Behinderung. So wird es immer wieder unterbunden, dass Menschen mit intellektuellen Einschränkungen Sexualität leben oder eine Familie gründen. Menschen mit Behinderung erfahren öfter, dass Lehrer*innen, Angehörige, Berufsberater*innen oder Kolleg*innen bestimmen wollen, was gut für sie ist oder was sie können. Es passiert immer wieder, dass behinderten Menschen die notwendige Unterstützung verwehrt wird, die Ausbildung zu machen oder die Arbeit auszuüben, die ihren Neigungen und Fähigkeiten entspricht. Sie brauchen in der Regel sehr viel Kraft oder Widerstandskraft und ein außergewöhnliches Selbstbewusstsein, um ihre beruflichen Ziele zu verwirklichen.

Schlussbemerkung

Am Beispiel Schule wird deutlich wie umfassend und komplex Ableismus in unserem Denken und unserer Gesellschaft verankert ist. Es zeigt die einseitige Leistungsorientierung und wie eng das Verständnis in unserer Gesellschaft davon ist, was Leistung und was wertvoll für die Gemeinschaft ist und was nicht. Nicht nur die Schule ist vom Ableismus betroffen, sondern alle gesellschaftlichen Bereiche: angefangen bei der Familie und den persönlichen Beziehungen, über Bildung und Arbeit bis hin zu Literatur und Medien, Philosophie, Medizin, Psychologie, Naturwissenschaften, Politik und Architektur. Es gibt auch spezielle Formen des Ableismus von dem beispielsweise Mädchen und Frauen mit Behinderung oder People of Color mit Behinderung betroffen sind.

Auch wenn der Ableismus in unserer Gesellschaft sehr dominant ist, gibt es immer wieder Erfahrungen und Beispiele, die deutlich machen, dass eine Anerkennung und Wertschätzung von unterschiedlichen Körpern und Fähigkeiten möglich ist und dies zu sehr kreativen sowie konstruktiven Prozessen führen kann.

Viktoria Nicole Przytulla hat über ein Jahrzehnt als Sozialpädagogin in Projekten der Behindertenbewegung gearbeitet, bevor sie an der Uni Bremen über die Problematiken des Inklusiven Studierens promoviert hat. Seitdem arbeitet sie im Bereich Antidiskriminierung und Ableismus.