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Foto: Kathrin Harms

Antiziganismus

Antiziganismus ist ein problematischer Begriff: Denn in ihm steckt die rassistische Bezeichnung „Zigeuner“. In Anlehnung an Markus End verwenden wir den Begriff dennoch, um damit die Projektionen der Mehrheitsgesellschaft zu veranschaulichen.

Antiziganismus bezeichnet den spezifischen Rassismus gegen Sint*ezze, Rom*nja und alle anderen Menschen, die als „Zigeuner“ diskriminiert werden oder die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Das Wort „Zigeuner“, das die meisten Sint*ezze und Rom*nja als rassistische Fremdbezeichnung ablehnen, steckt in „Antiziganismus“ bereits drin. So soll der Begriff darauf hinweisen, dass es in antiziganistischen Vorstellungen gar nicht um bestimmte Menschen geht. Sondern um kulturell geprägte Stereotype, die sich über Jahrhunderte gefestigt haben.

Negative Stereotype

Der Antiziganismus setzt alle Menschen, die der Minderheit der Sint*ezze und Rom*nja angehören, gleich. Sie werden also nicht als Individuen mit eigenen Stärken und Schwächen betrachtet, sondern nur als Teil einer Gruppe, in der angeblich alle Menschen die gleichen Eigenheiten haben – einfach, weil sie Sint*ezze oder Rom*nja sind. Dabei sind Rom*nja und Sint*ezze in Deutschland jedoch in allen gesellschaftlichen Schichten vertreten. Sie gehen unterschiedlichen Berufen nach, gehören verschiedenen Glaubensrichtungen an und gestalten ihr Leben individuell.

Die Eigenschaften, die Sint*ezze und Rom*nja unterstellt werden, sind oft negativ. Zum Beispiel, dass Sint*ezze und Rom*nja mehrheitlich arm oder kriminell seien. Manchmal sind sie aber auch vermeintlich positiv. Etwa, wenn gesagt wird, dass Sint*ezze und Rom*nja besonders musikalisch und lebensfroh seien. Das mag vielleicht gut gemeint sein, aber auch in dieser Vorstellung sind Sint*ezze und Rom*nja keine Individuen, sondern Fantasiefiguren.

Abgrenzung gegen Minderheiten

Wie wir uns andere Menschen vorstellen, hängt immer auch damit zusammen, wie wir uns selbst sehen oder gerne sehen möchten. Indem sich die Mehrheit einer Gesellschaft von einer Minderheit abgrenzt, vergewissert sie sich ihrer eigenen Identität. Wenn also Sint*ezze und Rom*nja als kriminell angesehen werden, dann meist in Abgrenzung zu den „anständigen Bürger*innen“ der Mehrheitsgesellschaft. Damit es in der Gesellschaft keine Kriminalität gibt, müssten demnach alle „wie wir“ sein und nicht „wie die“. Dass es in Wirklichkeit für gesellschaftliche Probleme wie Kriminalität ganz andere Ursachen gibt, wie etwa starke soziale Ungleichheit und Armut, wird so verdeckt.

Antiziganismus ist weit verbreitet

Feindliche Einstellungen gegenüber Sint*ezze und Rom*nja gibt es bei weitem nicht nur an den Rändern der Gesellschaft. Zwar ist Antiziganismus ein wichtiger Teil rechtsextremer Ideologien. Darüber hinaus ist er aber in der ganzen Gesellschaft weit verbreitet. Das zeigen zum Beispiel rassistische Gesänge in Fußballstadien oder Medienberichte und Spielfilme, die antiziganistische Vorurteile und Stereotype bedienen. Wie die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018 herausgefunden hat, hätte über die Hälfte der Deutschen ein Problem damit, wenn sich Sint*ezze und Rom*nja in ihrer Gegend aufhielten. Antiziganistische Einstellungen prägen aber auch die Arbeit von (staatlichen) Institutionen, wie Ämter, Polizei oder Medien. Das hat eine systematische Benachteiligung der Betroffenen in allen Lebensbereichen zur Folge. Deswegen sprechen wir auch von einer „strukturellen Dimension“ des Antiziganismus.

Verfolgung im Nationalsozialismus

Sint*ezze und Rom*nja wurden während des Nationalsozialismus als „artfremde Rasse“ eingestuft und immer weiter aus dem gesellschaftlichen Leben gedrängt. Sie verloren ihre Staatsbürgerschaft, wurden aus den Städten verbannt und in Lager gezwungen. Unter der pseudowissenschaftlichen Rassenideologie wurden sie systematisch erfasst. Viele wurden zwangssterilisiert, sodass sie keine Kinder mehr bekommen konnten. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden Zehntausende Sint*ezze und Rom*nja aus Deutschland in Konzentrationslager deportiert. Die Zahl der Sint*ezze und Rom*nja in Europa, die durch die Gewalt der Nationalsozialisten und ihrer Verbündeten ihr Leben im Holocaust verloren, wird auf eine halbe Million geschätzt. Von den 35.000 bis 40.000 erfassten deutschen und österreichischen Sint*ezze und Rom*nja wurden etwa 25.000 ermordet.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Sint*ezze und Rom*nja in einer Bürgerrechtsbewegung aktiv. Sie forderten ihre Rechte als deutsche Staatsbürger*innen ein. Außerdem verlangten sie die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen und die Verfolgung der Täter*innen, die nach 1945 oft unbehelligt blieben und weiter ihren Karrieren nachgehen konnten. Aus dieser Bewegung ging 1982 auch der Zentralrat Deutscher Sint*ezze und Rom*nja hervor.

Wer sind Sint*ezze und Rom*nja?

Antiziganismus hat auch zur Folge, dass Sint*ezze und Rom*nja als „fremd“ wahrgenommen werden. Dabei gehören sie zu unserer Gesellschaft, wie alle anderen Menschen in diesem Land auch. Sie kommen aus sämtlichen gesellschaftlichen Schichten und gehen den unterschiedlichsten Berufen nach. Ebenso reicht ihre Geschichte in Europa weit zurück: In Deutschland leben Sint*ezze bereits seit über 600 Jahren. Erwähnt werden sie das erste Mal in einer Urkunde aus Hildesheim im Jahr 1407. Rom*nja wanderten im späten 19. Jahrhundert in das Gebiet des Deutschen Reichs ein. Weitere kamen in den 1960ern als sogenannte Gastarbeiter*innen. In den 1990ern mussten viele Rom*nja vor dem Bürgerkrieg aus Jugoslawien fliehen. Letztere sind stark von Abschiebungen bedroht, besonders da sich seit 2014 ihre aufenthaltsrechtliche Situation verschärft hat.

Die größte Minderheit Europas

Die deutschen Sint*ezze und Rom*nja sind seit 1995 eine von vier anerkannten nationalen Minderheiten, neben Fries*innen, Sorb*innen und der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein. Sint*ezze und Rom*nja bilden dabei bei Weitem keine einheitliche Masse. Es gibt nicht „die“ Sint*ezze und Rom*nja, vielmehr zeichnet sich die Minderheit gerade durch ihre Vielfalt aus. In ihren Identitäten sind sie stark geprägt und eng verbunden mit ihren europäischen Heimatländern. So existieren innerhalb der Minderheit eine Vielzahl unterschiedlicher Kulturen, Glaubensrichtungen und Selbstbezeichnungen. Gemeinsam haben viele Sint*ezze und Rom*nja ihre Sprache, das Romanes, die in Europa in vielen unterschiedlichen Dialekten gesprochen wird. Auch in Deutschland ist Romanes für viele Sint*ezze und Rom*nja neben Deutsch die Muttersprache. Eine weitere Gemeinsamkeit von Sint*ezze und Rom*nja sind leider Ausgrenzungserfahrungen: Angehörige der Minderheit werden in Europa bis heute oft ausgeschlossen und diskriminiert und erleben auch immer wieder rassistische Gewalt.

Björn Budig hat Geschichte und Politikwissenschaft in Heidelberg und Berlin studiert und ist als Referent unter anderem für das Bildungsforum gegen Antiziganismus in Berlin tätig.