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Sexismus

Sexismus ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Zu erkennen, worin er sich zeigt, ist nicht immer einfach, aber es gibt einen Trick.

Ein Beispiel: Die Norwegerin Ada Hegerberg erhielt 2018 den Ballon d’Or féminin (Goldenen Ball) und wurde damit als Weltfußballerin des Jahres ausgezeichnet. Dieser Preis wird seit 1956 vergeben, 2018 zum ersten Mal auch an eine Frau. Bei der Preisverleihung fragt der Moderator die 23-jährige Profisportlerin etwas, was anschließend heftig in den Medien diskutiert wurde. Nämlich: „Kannst du twerken?“ Zur Erinnerung: Bei dem Tanz geht es hauptsächlich darum, das Becken schnell und ruckartig zu bewegen und das Gesäß in Szene zu setzen. Warum ist die Aufforderung zu twerken sexistisch?

Um Sexismus zu erkennen, kann man einfach Frau durch Mann austauschen oder umgekehrt. In diesem Fall fragen wir uns: Hat der Moderator auch die männlichen Kollegen von Ada Hegerberg gefragt zu twerken? Und siehe da: Nein, keiner der anderen Preisträger bekam diese Aufforderung. Warum auch, es hat ja nichts mit Profifußball zu tun und es könnte peinlich sein, sich twerkend bei so einem Anlass zu zeigen. Diese Frage nur an die einzige Frau zu richten ist Ausdruck davon, dass der Moderator sie als Profi-Sportlerin nicht ernst nimmt und ihren sportlichen Erfolg schmälert anstatt ihn zu würdigen. Das hat mit gängigen Vorstellungen über Männer und Frauen zu tun. In diesem Fall: Männer können Fußball spielen, Frauen twerken. Und mit dem Selbstverständnis des Moderators, Ada Hegerberg dazu auffordern zu dürfen.

Catcalling und sexuelle Belästigung

Nahezu alle Mädchen und Frauen werden im Laufe ihres Lebens mehrfach, zum Teil regelmäßig über Jahre hinweg im öffentlichen Raum, auf der Straße, in der Schule oder im Internet, sexuell belästigt; so auch viele homosexuelle, transgender und intergeschlechtliche Menschen. Handelt es sich um rein verbale Übergriffe wie Hinterherpfeifen, Anmachsprüche und unerwünschte Einladungen zu sexuellen Handlungen, spricht man von Catcalling. Diese und andere Formen von sexualisierter Gewalt sind sexistische Handlungen, die weitreichende Folgen für die Betroffenen haben können.

Wo fängt Catcalling an? Ein Kompliment wie „Du hast aber eine sympathische Ausstrahlung“ ist ziemlich unverfänglich. Hinterherpfeifen oder „Geiler Arsch“ hingegen nicht. Es hilft, sich zu fragen: Welches Kompliment wünschst du dir für deine Schwester oder Freundin? Wie kann ich dem Gegenüber mit Wertschätzung begegnen, wenn ich ihm zeigen will, dass ich es mag oder attraktiv finde? Doch das ist nicht alles. Die Frage ist nicht nur, was gesagt wird, sondern auch wer spricht und in welcher Situation. Eine Bemerkung über das Äußere wird häufig genutzt, um zu zeigen: Ich darf deine Attraktivität bewerten, wir sprechen nicht auf Augenhöhe.

Das Thema sexuelle Belästigung hat seit #MeToo an Aufmerksamkeit gewonnen, und das Gerede von Ausnahmen und „dumme Jungenstreiche“ bleibt zum Glück nicht mehr unkommentiert. Das ist wichtig, weil durch Austausch und das öffentliche Verurteilen von sexualisierten Übergriffen ein sichererer Raum für Betroffene geschaffen werden kann. Es kann das ewige „Hab dich nicht so“ und „Sei nicht so empfindlich“ entkräften und Betroffenen Mut geben, Übergriffe anzusprechen und gegebenenfalls Anzeige gegen den oder die Täter zu erstatten.

„Sei kein Mädchen!“

An Mädchen und Frauen wie auch an Jungen und Männer werden geschlechtsspezifische Erwartungen gestellt, die uns von Klein auf mitgegeben werden und allgegenwärtig sind. Solche stereotypen Rollenerwartungen bestimmen den sozialen Status, den Frauen und Männer in der Gesellschaft genießen. Frauen seien zum Beispiel emotional, fürsorglich, passiv und kommunikativ, Männer dagegen denkend, leistungsorientiert, handelnd und wortkarg. Frauen seien in der Familien- und Hausarbeit fähiger und Männer in der Berufswelt.

Solche Stereotype schaden den Menschen. Man denke daran, wie viele Mädchen und Frauen trotz hervorragender Leistungen unsicher sind, weil ihnen ständig gesagt wird, bescheiden sein zu müssen. Und wie Jungs darunter leiden können, keinen Schmerz und keine Traurigkeit zu zeigen, weil sie befürchten, als Mädchen bezeichnet zu werden. Mit geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen kann man niemandem gerecht werden. Zudem ordnen sich viele Menschen nicht einfach einem der beiden Geschlechter zu – die Wirklichkeit ist bunter als Mann-Frau und Junge-Mädchen und ihre stereotypen Geschlechterrollen.

Eine Ideologie der Ungleichwertigkeit

Zuschreibungen aufgrund des Geschlechts betreffen Frauen und Männer auf unterschiedliche Weise. Zwar kann jede*r von Sexismus betroffen sein – jedenfalls aus psychologischer Perspektive, aber Männer sind nicht von strukturellem Sexismus betroffen, sondern profitieren von ihm. Den Geschlechterstereotypen liegt eine Ideologie der Ungleichwertigkeit zu Grunde, die Männern weitreichende Vorteile bringt.

Man spricht von strukturellem Sexismus, weil er eine lange Tradition hat und in den Institutionen verankert ist. Männer haben lange Zeit weitestgehend über ihre erwachsenen Töchter und Ehefrauen verfügt und ihre Entscheidungen getroffen; zum Beispiel ist erst seit 1997 Vergewaltigung in der Ehe ein juristischer Strafbestand. In der Bundesrepublik brauchte eine Ehefrau bis 1977 die Einwilligung ihres Mannes, um einer bezahlten Arbeit nachgehen zu dürfen, während in der DDR die Erwerbstätigkeit von Frauen gefördert wurde. Und über einen Schwangerschaftsabbruch dürfen Frauen bis heute nicht selbst entscheiden, sondern werden zu einer nicht-medizinischen Beratung gezwungen.

Macht und Geld – eine Frage des Geschlechts

Wer Sexismus thematisiert, stellt immer auch die Frage nach der Verteilung von Macht oder Vermögen. Es gibt die plakative Formel: Sexismus = geschlechterbasierte Vorurteile + ungleiche Macht-/Geldverteilung.

Oft muss Angela Merkel herhalten, um zu „beweisen“, es gebe keinen Sexismus. Schließlich ist sie Regierungschefin. Nur weil es für Frauen nicht unmöglich ist, in wichtige Positionen zu kommen, bedeutet es noch lange nicht, dass sie gleichberechtigt sind wie es im Grundgesetz (Art. 3) verankert ist: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt […] Niemand darf wegen seines Geschlechts benachteiligt werden.“ Die Realität sieht so aus: Männer haben die meisten Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst und Kultur inne. Frauen haben weniger Zugriff auf Macht und Vermögen, leisten sehr viel mehr unbezahlte (Care-)Arbeit als Männer, erhalten im Beruf meist weniger Geld und sie werden für ihr Äußeres bewertet. Studien dazu gibt es reichlich.

Zurück zum Profifußball: Die so genannte Gender-Pay-Gap, das ist der Unterschied der Lohnhöhe aufgrund des Geschlechts, ist beim Fußball besonders groß. Hätten die Männer im Jahr 2016 die Europameisterschaft gewonnen, hätte es vom gemeinnützigen Verein Deutscher Fußballbund für jeden Spieler eine Siegesprämie von 300.000 Euro gegeben. Die Spielerinnen des Frauennationalteams, die bei der Europameisterschaft 2017 als Titelverteidigerinnen antraten, hätten bei einem erneuten Erfolg eine Prämie von 37.500 Euro pro Spielerin erhalten.

Neben der ungleichen Bezahlung bei gleicher Arbeit spielt bei der Gender-Pay-Gap die ungleiche Bezahlung unter den Berufen eine Rolle. Berufe, in denen besonders viele Frauen arbeiten wie beispielsweise soziale Berufe, in vielen Dienstleistungsbranchen, aber auch Grundschullehrer*innen, Apotheker*innen und Verkäufer*innen sind schlechter bezahlt als Berufe, in denen mehr Männer als Frauen tätig sind. Die Statistik zeigt: Wenn in einer Branche zunehmend mehr Frauen arbeiten, sinkt oft der durchschnittliche Verdienst der ganzen Branche.

Es geht nicht nur um Mann und Frau

Ursprünglich wurde der Begriff Sexismus in den 1960er Jahren in der US-amerikanischen Frauenbewegung in Anlehnung zu dem Begriff Rassismus (racism) eingeführt. Er bezeichnet die Ungleichbehandlung, Benachteiligung, Ausgrenzung, Ab- oder Minderbewertung durch Personen oder Institutionen aufgrund des biologischen Geschlechts. Zunehmend wurde auch die Diskriminierung gegen Lesben, Schwule sowie Transgender und intergeschlechtliche Menschen mit in den Blick genommen. Transidente und intergeschlechtliche Personen, die nur schwer in eine zweigeschlechtliche Ordnung hineinpassen, sind im besonderen Maße von Sexismus und verbaler und physischer Gewalt betroffen.

Sexismus tritt häufig zusammen mit anderen Diskriminierungsformen auf. Eine Schwarze Frau erfährt andere Diskriminierungen als eine weiße, eine Akademikerin andere als eine Arbeiterin. Deshalb ist es notwendig, Sexismus im Kontext mit Kategorien wie ethnischer Herkunft, Hautton oder Klassenzugehörigkeit zu betrachten.

Jana Bialluch, Soziologin und Germanistin, ist bei Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Zudem ist sie Trainerin für den Themenbereich Antifeminismus und Diskriminierung.

Mehr zum Thema findet ihr im Themenheft „Fatma ist emanzipiert, Michael ein Macho!? Geschlechterrollen im Wandel“ und auf qrage.online

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