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Foto: Johanna Landscheidt

Rassismus

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland lässt keine Zweifel: Hier ist vom Menschen die Rede, nicht von der Würde des Deutschen. Aber Papier ist geduldig.

Tatsächlich ist der Alltag in Deutschland auch heute noch weit von dem Anspruch entfernt, den die Gründermütter und -väter des Grundgesetzes in Artikel 3, Absatz 3 als das Leitziel der Republik formuliert haben: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse (sic!), seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Diskriminierung und Ausgrenzung

Trotzdem erleben viele Menschen, die mit ihrem Namen oder ihrem Äußeren sichtbar anders sind, als es den Normen der Mehrheitsgesellschaft entspricht, in ihrem Alltag Diskriminierung und Ausgrenzung. Auch zahlreiche Untersuchungen belegen: Sie werden in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche und in vielen anderen Bereichen des Alltagslebens benachteiligt. Und die Ursachen dieser Missstände haben einen Namen: Rassismus.

Rassismus ist eine Ideologie, die das demokratische Versprechen auf Chancengleichheit für alle Mitglieder der Gesellschaft radikal verneint. Deshalb ist die Frage, wie ernsthaft eine Gesellschaft den Rassismus bekämpft, fundamental. Denn an dem alltäglichen Umgang der Mehrheit mit seinen Minderheiten entscheidet sich, wie demokratisch eine Gesellschaftlich wirklich ist. Hält sie unterschiedliche Standards für ihre Bürger*innen bereit? Gibt es in ihrem Gemeinwesen Menschen erster und zweiter Klasse?

Rassismus als Ordnungsprinzip

Der Begriff Rassismus steht für eine Lehre, die an die Existenz menschlicher „Rassen“ glaubt. Historisch wurde der Begriff „Rasse“ vornehmlich im Bereich der Naturwissenschaften, insbesondere der Biologie genutzt. Dabei diente der Rassebegriff der Kategorisierung von Tieren. Nutztiere und Haustiere wie Pferde, Hunde, Katzen oder Rinder wurden gezüchtet, um gewünschte Eigenschaften bezüglich Ausdauer, Zugkraft, Größe, Schnelligkeit, Fleischqualität oder Aussehen zu erzielen. Daher sprechen wir auch von Hunde- oder Katzenrassen, nicht aber von den Rassen der Schlangen oder der Pinguine.

Die Übertragung dieser Ordnungsvorstellungen aus dem Tierreich auf den Menschen erfolgte schon vor mehr als 2.000 Jahren. Auch in Platons berühmter Schrift Politeia findet sich die Idee, durch staatliche Geburtenkontrolle einen überlegenen Menschentyp zu formen. Nur die „trefflichsten“ Griech*innen mit den besten Eigenschaften sollten – per Gesetz geregelt – untereinander Kinder zeugen. Die „barbarischen“ Völker hatten in diesen Zuchtutopien keinen Platz.

Mit den „Estatutos limpiezia de sangre“ (Statuten von der Reinheit des Blutes) fand der Begriff „Rasse“ erstmals im 15. Jahrhundert Eingang in die Rechtsprechung. Diese Statuten wurden 1449 durch den Erzbischof von Toledo eingeführt, der darin die Christ*innen von den „Rassen der Juden, Mauren oder Häretikern“ abgrenzt.

Säkulare Begründung des Rassismus

Ursprünglich religiös und metaphysisch begründet, erhielt der Rassismus durch die Aufklärung ein weiteres, ein säkulares Fundament. Im Zeitalter der Aufklärung, also dem 18. Jahrhundert, wuchs in Europa das Bedürfnis, alle Phänomene rational erfassen und erklären zu wollen. Das Weltwissen wurde größer und größer, damit wuchs die Notwendigkeit, nicht nur allgemeine Naturphänomene, sondern die Menschheit selbst rational zu verstehen und in eine eindeutige Ordnung einfügen zu können. War nicht der Mensch ein Teil der Natur? Naturwissenschaftliche Erkenntnisse von Pflanzen und Tieren wurden auf die Menschen übertragen, Züchtungsutopien antiker Philosophen wieder aufgegriffen. Warum, so die Wissenschaft, sollte es nicht auch bei den Menschen, wie bei den Tieren, unterschiedliche Rassen geben.

Homo Sapiens – die Gattung Mensch und seine Gene

Doch spätestens mit der Annahme, es gäbe unter Menschen ebenso verschiedene Rassen wie in der Tierwelt findet eine inakzeptable Weichenstellung statt. Denn wissenschaftliche Erkenntnisse der Genforschung zeigen, dass alle Menschen einer einzigen Gruppe von Säugetieren angehören, der des Homo Sapiens. Heute ist der Mensch das Säugetier mit der größten Population von über sieben Milliarden. Und diese sieben Milliarden Menschen sind unstrittig sehr vielfältig. Beispielsweise sehen sie unterschiedlich aus und haben ganz verschiedene Eigenschaften und Talente.

Vielfalt und Indvidualität

Alle diese Unterschiede sind jedoch nur zu einem kleinen Teil genetisch bedingt. So zeigt die Entschlüsselung der genetischen Struktur der Menschen eine Übereinstimmung von über 99,9 Prozent bei allen Menschen. Genomunterschiede unter einzelnen Mitgliedern sich äußerlich ähnelnder Gruppen, zum Beispiel zwischen Unter- und Oberfranken, können dabei größer sein als beispielsweise zwischen Unterfranken und Kurd*innen. Das menschliche Genom besteht aus mehr als drei Milliarden Untereinheiten. Nur ein winziger Prozentsatz von Unterschieden kann sich äußerlich bemerkbar machen. Dabei gehen Forscher*innen davon aus, dass 0,01 Prozent des Genoms die äußeren Merkmale, wie Haut- und Haarfarbe, Nasenformen und anderes mehr ausmachen.

Die Unterschiede zwischen den Menschen sind global nach dem Zufallsprinzip verteilt. Nichts erlaubt uns also zu sagen, dass manche Gruppen intelligentere, musikalischere oder mathematisch begabtere Menschen hervorbrächten als andere. Deswegen sind nicht Typenbildung, Klassifikation und Abgrenzung, wie dies die Rasseforscher der Vergangenheit getan haben, gefragt, sondern das Verstehen von Vielfalt und Individualität.

Die Hautfarbe: alle anders – alle gleich

Skeptisch wird gefragt: Warum sehen wir dann aber so unterschiedlich aus? Die Antwort liegt in dem Verständnis der Evolutionsvorgänge. Der Mensch unterliegt denselben biologischen Gesetzen wie Pflanzen und Tiere. Denn unser Aussehen und unsere Fähigkeiten werden fortlaufend in einem engen Austausch zwischen Einflüssen aus der Außenwelt auf unsere Körper und damit auf unsere DNA und den daraus folgenden Mutationen in der nächsten Generation geprägt.

Deswegen tritt auch die menschliche Haut in unterschiedlichen Farbtönen auf, kein Mensch entspricht äußerlich einem anderen. Dazu kommt: Die Übergänge der Hautfarben sind weltweit fließend und es ist unmöglich, klar definierbare Grenzen aufgrund der Pigmentierung der Haut zu ziehen. So kann allein die Hautfarbe von „Weißen“ alle möglichen Nuancierungen zwischen rosa und diversen Beige- und Brauntönen zeigen. Dennoch ist die Unterteilung von Menschengruppen in „Gelbe“, „Schwarze“, „Rote“ und „Weiße“ heute weltweit geläufig. Doch wir „sehen“ diese Abstraktionen nur, weil uns beigebracht wurde, der Farbe der Haut als einem scheinbar entscheidenden Merkmal eine wichtige Rolle beizumessen. Und die Ideologie des Rassismus leitet ihre pseudowissenschaftlichen Begründungen ganz wesentlich aus solchen oberflächlichen, optischen Eindrücken ab.

Es geht um Macht

Anhänger*innen rassistischer Ideen profitieren von der Vorstellung, es gäbe höher – und minderwertige Menschenrassen. So werden aus rassistischen Ideologien Herrschaftsverhältnisse der Über- und der Unterordnung abgeleitet. Denn bei Rassismus geht es immer um Macht.

Deswegen beschreibt der britische Rassismusforscher Robert Milesbeschreibt 1991 den „Sinn“ des Rassismus so: „Die Funktionsweise des Rassismus besteht darin, dass bestimmten äußerlichen Erscheinungen oder genetischen Eigenschaften von Menschen Bedeutungen zugeschrieben werden, aus denen ein System von Kategorisierungen entsteht. Den so kategorisierten Menschen werden damit zusätzliche, negativ bewertete Eigenschaften zugeordnet. Menschen, die auf diese Art und Weise markiert werden, sind gefährdet, weil ihr körperliches „Anderssein“, häufig verbunden mit sozialen und kulturellen Zuschreibungen, ausreicht, sie aus der Mehrheitsgesellschaft auszuschließen.“

Die Funktion des Rassismus

Der französisch-tunesische Soziologe und Schriftsteller Albert Memmi hat 1982 den „Sinn“ des Rassismus so formuliert: „Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver biologischer Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der eine Aggression gerechtfertigt werden soll.“

Wenn, wie so häufig in der Geschichte, für schlechte und schwierige Situationen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nur „die anderen“ verantwortlich sind – Türk*innen, Sint*ezza und Rom*nja, Muslim*innen, Araber*innen, Jüdinnen*Juden oder Schwarze Menschen – dann ist das Rassismus.

Die Vorstellung von höher- und „minderwertigen Rassen“ hat bis zum heutigen Tag viel Leid über Menschen gebracht. Mit ihr wurde der Sklav*innenhandel ebenso rechtfertigt wie der Kolonialismus, Ausbeutung und Völkermorde.

Mehr zum Thema findet ihr im Themenheft Rassismus, im Baustein Reden über Rassismus im Deutschland und in den Handbüchern für die Grund- und Sekundarstufe.